Wie kann man mit der Next Economy Open dauerhaft wirken? #NEO19x

Professor Lutz Becker von der Hochschule Fresenius ist schon eifrig dabei, Sessions für die diesjährige Next Economy Open auf die Beine zu stellen. Und da gibt es schon einen beträchtlichen Rücklauf.

Was bei der Next Economy Open und anderen Veranstaltungsformaten bei den Session-Gebern und aus Zeitgründen auch bei den Organisatoren ein wenig auf der Strecke bleibt, ist die nachhaltige Wirkung der NEOx vor, während und nach der Veranstaltungsphase.

Der Soziologe André Kieserling hat zu diesem Themenkomplex im Wissenschaftsteil der FAZ einen sehr wichtigen Beitrag geschrieben über die Notwendigkeit von intelligenten Tagungsorganisationen für die geisteswissenschaftliche Forschung. Letztlich gilt das für alle Disziplinen.

So verweist er auf Überlegungen, die die amerikanische Ethnologin Margaret Mead bereits gegen Ende der sechziger Jahre publizierte. Ihr Buch beginnt mit einer Kritik der wissenschaftlichen Großtagung, an der sie zwei Schwächen hervorhebt.

„Die eine liege im Vorrang der schriftlichen vor der mündlichen Kommunikation: Es würden Texte, die nach Länge und Dichte eigentlich für den Buchdruck bestimmt seien, einem zugleich wehrlosen und überforderten Publikum vorgelesen, mitunter gefolgt von einer Kritik des Vortrags, die ihm an Dichte, und oft auch an Länge, keineswegs nachstehe. Gebunden an diese Vorlagen, könnten die Redner aber weder aufeinander noch auf das Publikum reagieren. Eine zweite Schwäche liege darin, dass die Einladungspolitik einer Art von Proporzdenken folge. Die Wissenschaftler würden nicht als lernfähige Individuen eingeladen, sondern als Gruppenvertreter, die dann etwa ihr eigenes Fach oder die Lehrmeinung ihrer eigenen Schule zu repräsentieren hätten. Belohnt werde damit aber gerade nicht die Offenheit des Urteils, sondern die Treue zu einer bereits eingenommenen Position. Kein Wunder, so Mead, dass es dann oft bei der Wiederholung von schon Bekanntem bleibe und die offiziell doch gerade gesuchten Annäherung der verschiedenen Lager nicht recht vorankomme“, erläutert Kieserling.

Kleine Konferenzen organisieren

Mead plädiert für kleine wissenschaftliche Konferenzen. Vorteil: Dort gibt es kein passives Publikum und man steigt direkt in das Gespräch ein. Aber auch diese Form der wissenschaftlichen Tagung hat nach Ansicht von Kieserling Schwächen:

„Als Wissenschaftsgeselligkeit mag sie das gegenseitige Kennenlernen der Personen und vielleicht auch ihre Gewöhnung an fachliche oder nationale Besonderheiten erleichtern, aber sie hat keine greifbaren Erträge, und damit sind auch breitere Rückwirkungen auf den Forschungsprozess ausgeschlossen.“

Die kleine Gruppe um den Philosophen Hans Blumenberg umging dieses Problem, indem sie Mündlichkeit und Schriftlichkeit auf intelligente Weise verband. Die eigentliche Innovation der berühmten Tagungsreihe „Poetik und Hermeneutik“ lag in der Idee der ungehaltenen Rede.

„Die Vorträge der Tagungsteilnehmer wurden nicht vorgelesen, sondern vorher an alle Teilnehmer verschickt. Die Zusammenkünfte selbst waren als Diskussion über gemeinsame Lektüren und als Vorbereitung einer gemeinsamen Publikation angelegt, und das hat sie davor bewahrt, sich in bloßer Geselligkeit zu erschöpfen. Zugleich konnten diese ‚Vorträge‘, entlastet von der Rücksicht auf ein anwesendes Publikum, von einer Länge und Gründlichkeit sein, die man keinem Vortragenden jemals gestatten würde, und das wiederum kam dem Niveau der Diskussionen zugute“, führt André Kieserling aus.

Blumenberg war ein begnadeter Wissenschaftsorganisator und die Tagungsbände „Poetik und Hermeneutik“ haben die Geisteswissenschaften dauerhaft und nachhaltig beflügelt. Wie müsste man das heute organisieren?

Essentiell ist auf alle Fälle die Kunst der digitalen Dokumentation mehr oder weniger in Echtzeit: Kuratieren, dokumentieren, in Echtzeit reagieren, Ereignisse im Kontext einordnen, schnelle redaktionelle Aufbereitung, Einbettung von Fotos und Videos, Social Web-Dienste bedienen, Live-Videos auf Twitter begleiten und, und, und.

Also all das, was Annette Schnwindt auszeichnet.

Wir sollten sie für die #NEO19x gewinnen und dafür auch das nötigen Budget vorhalten. Mit der Next Economy Open schaffen wir virtuelle und reale Orte für Gespräche,
Debatten, Disputationen und Denkanstöße. Jetzt müssen wir für die notwendige Nachhaltigkeit, für die Anschlussfähigkeit in der Kommunikation und für die Herausbildung einer exzellenten Community sorgen 🙂

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Experimente für die Next Economy in Wissenschaft und Praxis: Planungen für die #NEO19x an der @hs_fresenius starten

Im November 2019 wird die Live Konferenz Next Economy Open unter dem Hashtag #NEO19x zum vierten Mal an der Hochschule Fresenius in Köln stattfinden.

„Die erstmals 2015 von dem Blogger, Journalisten, Volkswirt und Lehrbeauftragten Gunnar Sohn als stationäre Konferenz in Bonn initiierte Veranstaltung wird seit 2016 live und in Farbe ins Internet gestreamt. Gunnar Sohn ist einer der Pioniere im Livestreaming, so bleibt es nicht aus, dass auch die Next Economy Open Vorläufer einer völlig neuen Generation von Konferenzen geworden ist“, schreibt Professor Lutz Becker

Traditionell will die Next Economy Open Studierende, Wissenschaftler und Praktiker zusammenbringen und einen kritischen Austausch zwischen den Sphären ermöglichen.

„Hier geht es vor allem darum, wie wirtschaftliches Handeln und Transformation Hand in Hand gehen, welche Folgen die Digitalisierung für unser Wirtschaftsgefüge hat, und wie wir die Herausforderungen des gesellschaftlichen und ökologischen Wandels mit Mitteln einer neuen Ökonomie bewältigen können. Es geht darum, ob und wie die Wirtschaft und ihre Narrative neu gedacht werden muss“, so Becker.

Auf der #NEO18 wirkten prominente Wissenschaftler, wie der ehemalige Vorsitzende der Monopolkommission Justus Haucap, der Ökonom Frank H. Witt (GISMA) und Jörg Müller-Lietzkow, Professor für Medienökonomie an der Uni Paderborn und Mitglied der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche Potenziale“ der Deutschen Bundestages, mit. Die Frage danach, welche Ökonomie auf uns zurollt, wurde aus verschiedensten Perspektiven und Anwendungen heraus beleuchtet.

Die Diskussionen der drei Tage im November 2018 drehten sich um Medien, Künstliche Intelligenz, Chat-Bots, Mobilität, Nachhaltigkeit, Klima, Ernährung und den Methodenstreit in der Ökonomik.

Auch in diesem Jahr bietet die virtuelle Konferenz eine eigene Plattform für die Forschung & Lehre: Sie ermöglicht es den Studierenden, Arbeitsproben öffentlich zu machen, mit der Internet-Community in Dialog zu treten und gleichzeitig mit den Möglichkeiten von Live-Medien zu experimentieren und somit „Media-Literacy“ eine zunehmend kritische Kernkompetenz für angehende Führungskräfte zu erwerben.

Dabei gehen das wissenschaftliche Lernen sowie die Strukturierung und die Vermittlung des Gelernten ganz im Sinne einer modernen Didaktik Hand in Hand.

Livestreaming-Checkliste für die Sessiongeber auf der Next Economy Open #NEO18x

Bekanntlich läuft die #NEO18x vom 13. bis 15. November virtuell. Bei allen Vorteilen der Ortsunabhängigkeit gibt es ein paar technische Details fürs Livestreaming via Skype und der Software Ecamm Live zu beachten:

Netzverbindung

Empfehlenswert ist eine synchrone Bandbreite von mindestens 5 Mbit pro Sekunde im Up- und Downstream. 5 Mbit im Upstream sind keine Kleinigkeit, die meisten User in Deutschland haben weniger (mit freundlichen Grüßen an die Bundesregierung und Doro Bär – die Digitalbeauftragte im Kanzleramt findet ja das Infrastruktur-Thema langweilig). Wenn möglich, sollte man seinen Computer mit einem LAN-Kabel verbinden. Bei einer Funkverbindung via WLAN teilt man die zur Verfügung stehende Bandbreite mit den eingebuchten Nutzern auf – das dürfte beruflich (Kolleginnen und Kollegen) und privat (Familienmitglieder) eher die Regel sein. Ist die Netzverbindung schwach, drosseln die Plattformen automatisch die Übertragungsqualität, damit die Übertragung nicht abreißt. Das gibt Einbußen beim Ton und noch extremer beim Bewegtbild.

Kamera

Die meisten Laptops sind mit Webcam und eingebautem Mikrofon ausgestattet. Noch besser sind allerdings externe Geräte mit USB-Anschluss. Also eine Webcam mit einer HD-Auflösung von mindestens 720p (beispielsweise die Logitech C920) und ein externes USB-Mikrofon wie das Samson Meteor (gibt es mittlerweile für schlappe 69 Euro). Headsets sehen bei den Interviews immer etwas blöd aus. Beim Podcasting sehr sinnvoll, bei Video-Formaten eher nicht.

Licht

Nicht unterschätzen sollte man die Lichtverhältnisse. Häufiger Fehler: Fenster im Rücken, so dass die Webcam Gegenlicht bekommt und der Teilnehmer zum Dunkelmann mutiert. Die Webcam darf generell kein Gegenlicht bekommen – das ist wie beim Fotografieren gegen das Sonnenlicht. Zwei Schreibtischlampen, die man hinter der Webcam platziert. reichen für gute Lichtverhältnisse aus. Auf das Tageslicht sollte man sich nicht verlassen, da es je nach Uhr- und Jahreszeit wechselt. Von den täglichen Wetterkapriolen mal ganz abgesehen.

Hier der Link zu den Skype-Sessions.

Möglichkeitsräume für die Next Economy #NEO18x #BarcampDUS @HS_Fresenius

Die Next Economy ist ein Prozess des Zusammentreffens grundlegender ökonomischer Prinzipien mit neuen Möglichkeitsräumen. Das schreibt Professor Lutz Becker von der Kölner Hochschule Fresenius in einem sehr lesenswerten Beitrag für den Band „Transformative Wissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“, kürzlich erschienen im Metropolis Verlag.

Es geht dabei um den technischen, sozialen, organisatorischen, politischen und kulturellen Wandel. All das wollen wir vom 13. bis 15. November auf der Next Economy Open diskutieren. 2015 starteten wir in Bonn bekanntlich mit einem stationären Konferenzformat – ein Mix aus Barcamp und Call for papers-Sessions. Ein Jahr später entwickelten wir das Ganze als ein verteiltes digitales Event weiter.

Da kam zur NEO quasi das x dazu. Alle Session werden live gestreamt und bestehen aus regionalen und stationären Konferenz-Satelliten. Es ging und geht den Veranstaltern und Sessiongebern um Paarbildungen zwischen Netzszene und Wirtschaft, um Brücken für neue Ideen, Kombinatorik, überraschende Verbindungen und Erkenntnisse, dauerhafte und fortlaufende Gespräche sowie offene Begegnungen. So werden Netzwerk-Effekte durch dezentrale Subevents initiiert, die man mit einer Präsenz-Veranstaltung an einem einzigen Ort nicht hervorrufen könnte.

Zur diesjährigen #NEO18x

Zweiter Versuch – gab gerade ein kleines technisches Problem

Über die Sehnsucht nach dem digitalen Fließband im Büro #NEO18x

Nachdem in den vergangenen Monaten über Uber und deren Verwendung von Software zur Steuerung des Einsatzes der Fahrer diskutiert worden sei, rücken vergleichbare Praktiken anderer Freelancer-Plattformen wie beispielsweise Upwork ins Zentrum einer kritischen Debatte über die Übergriffigkeit von Software, schreibt Ole Wintermann auf piqd.

So ist es in diesem Fall die Anwendung ‘Work Diary’, die Freelancern empfohlen wird, wenn sie sich bei Upwork registrieren. Es hat das Ziel, die Produktivität der Freelancer durch Protokollierung der Tastenanschläge und regelmäßige Screenshots zu “messen”.

“Wenn das Überwachungsprogramm 10 Minuten keine Aktivität messen kann, wird der Status des Freelancers automatisch auf ‘inaktiv’ gestellt, so dass er für diesen Zeitraum keine Honorare verlangen kann. Upwork begründet den Einsatz des Tools damit, dass den Auftraggebern erstens glaubwürdig vermittelt werden kann, dass der Auftragnehmer ‘produktiv’ war. Zweitens dienen die ‘Messergebnisse’ Upwork dazu, mit einer Zahlung an den Auftragnehmer einzuspringen, wenn der Auftraggeber eine Zahlung verweigert. Heruntergeladen können die Messergebnisse allerdings nur durch den Auftraggeber und nicht den Auftragnehmer”, so Wintermann.

Das Tool werde von den Freelancern unterschiedlich beurteilt.

“Während die einen darin die Möglichkeit sehen nachzuweisen, dass sie tatsächlich gearbeitet haben, sehen die anderen dies als unnötiges Überwachungstool, das natürlich in keiner Weise dazu geeignet ist, Produktivität oder Kreativität zu messen.”

Ich halte das für einen Schritt ins digitale Hamsterrad. Vergleichbar mit der Software von Workday, die immer mehr Aufgaben des Personalwesens übernimmt.

“Die Daten werden von Workday so konsequent verarbeitet, wie es kaum ein anderes Unternehmen macht. Algorithmen zeichnen nicht nur auf und zeigen an, wer wann und wo etwas tut oder es lässt, sondern auch, was Arbeiter in Zukunft vielleicht tun werden”, führt die FAZ aus.

Kein Wunder, dass Controlling-Freak Jeff Bezos früh an diesen Ansatz glaubte. 2011 hatte der Amazon-Chef 85 Millionen Dollar in Workday investiert.

“Von Amazon ist allerdings auch überliefert, dass es besonders gerne die Arbeit seiner Mitarbeiter überwacht, kaum ein Unternehmen stand wegen der starken Kontrolle mittels Daten so häufig in der Kritik wie der Online-Händler”, so die FAZ.

Dahinter steckt die Sehnsucht nach dem digitalen Fließband im Büro. Johannes Böhme hat das in der Zeitschrift brandeins aufs Korn genommen und bezieht sich dabei auf eine Studie des Soziologen Andreas Boes:

„Die Arbeit im Büro ähnele immer mehr der Arbeit in der Fabrik: Kleine, standardisierte Arbeitsschritte würden unter Zeitdruck wie an einem ‚digitalen Fließband‘ am Computer abgearbeitet und von Software protokolliert.“

Der „Wandel“ trage dabei verschiedene Namen wie „lean“ oder „agile“. Immer gehe es darum, die Arbeit in den Büros schneller, besser und effizienter zu machen. „Lean“ sei vor allem ein Mittel, um aus den Leuten mehr rauszuholen, so Bettina Seibold vom Institut für Medienforschung und Urbanistik in Stuttgart.

„Jeden Tag treffen sich die Mitarbeiter vor einer Tafel, auf der ihre Arbeit in verschiedenen Farben abgebildet wird. Jeder muss kurz sagen, wie es bei ihm steht, und dann wird das übersetzt in Rot oder Grün. Rot heißt, dass Deadlines nicht eingehalten, Kosten überschritten, Probleme nicht gelöst werden“, schreibt Böhme.

Das wird natürlich alles bestritten in der Beraterszene – man würde die Begriffe falsch verwenden oder nicht verstehen. Es geht aber nicht um Begriffe, sondern um reale Anwendungen.

Siehe auch:

10 Minuten für eine E-Mail, 30 für eine Rechnung – der bandeins-Beitrag passt sehr wohl zur Geschichte, die Ole Wintermann vorstellt.

Komplettes Buch entdeckt: ARBEIT TRANSFORMIEREN!

Veröffentlichungen des IMU-Instituts.

Andreas Boes und die „Industrialisierung der Kopfarbeit“

Wäre das nicht ein schönes Session-Thema für die Next Economy Open an den beiden Tagen der Forschung und Lehre – also entweder am 13. oder 14. November. Hätte einer Lust auf das Thema?

Stefan Pfeiffer hat gerade etwas in seinem Blog geschrieben über die Scheuklappen für die Büroangestellten von Panasonic. Da bekommt meine Formulierung der digitalen Käfighaltung im Büro noch eine ganz andere Wendung oder ein anderes Bild. Man müsste dann wohl eher der digitalen Haltung im Stall sprechen.

Passt auch zur Nasenring-Metapher: Der AMS-Algorithmus ist ein „Paradebeispiel für Diskriminierung“: Konkret werde anhand des veröffentlichten Modells nun ersichtlich, dass es alleine fürs Frausein bestimmte Punkteabzüge gibt (0,14 Punkte), ebenso dafür, dass man als Frau womöglich auch noch Betreuungspflichten hat (0,15 Punkte).

„Alle Menschen über 30 bekommen zudem alleine aufgrund ihres Alters Punkteabzüge, ab 50 fallen diese sogar noch drastischer aus (0,7 Punkte). Menschen, die ‚gesundheitlich beeinträchtigt‘ sind bekommen ebenfalls Abzüge im System (0,67 Punkte), ebenso wie Menschen, die aus Nicht-EU-Ländern stammen.“

Schumpeter und die narrative Ökonomie #NEO18x

Die Schumpeter-Vorlesungen in Bonn

Professor Robert Shiller von der Yale-Universität wundert sich, warum sich die Ökonomen-Zunft nicht stärker mit dem Faktor der Narration beschäftigt, um wirtschaftliche Schwankungen zu erklären. Also Erzählungen, die sich wie ein Virus verbreiten, neudeutsch viral werden oder sich als Mem entpuppen und das Denken und Handeln der Menschen beeinflussen. Die Kollegen des Wirtschaftsnobelpreisträgers Shiller haben vielleicht Besseres zu tun. Die meisten. Sie arbeiten lieber mit Gleichungen, rechnen mit allgemeinen Gleichgewichtsmodellen, fabulieren von Angebots- und Nachfrageströmen und laufen der Illusion hinterher, mit Preisen und der Entwicklung der Geldmenge das wirtschaftliche Geschehen zu erläutern.

Ursache- und Wirkung-Irrtümer in der Ökonomik

Dabei sind sie häufig nicht in der Lage, in ihren Formeln Wirkungen und Ursachen zu unterscheiden. Es passiert sogar, dass sie den ceteris paribus-Variablen kausale Wirkungen zuschreiben. Oder die Wirkungen gehen ihren Ursachen voraus.

„Die Werte der Variablen können nur anhand dessen ermittelt werden, was sie eigentlich erklären sollen“, so Tobias Schmidt zum Phänomen der Zirkelschluss-Ökonomie, die man nicht widerlegen kann und somit wissenschaftstheoretisch eher der Theologie zuschreiben sollte.

Die Schwächen der Theorie werden dennoch weggebügelt, etwa von einem FAZ-Leser aus Mörfelden-Walldorf:

„So wichtig und zum Teil sogar amüsant solche ‚Narrative’ im Einzelfall auch sein mögen, so können sie doch eine systematische theoretische Durchdringung von wirtschaftlichen Großkrisen mit Hilfe mathematischer Modelle nicht ersetzen.“ (Erinnert Euch an das Ursache-Wirkung-Verwirrspiel der ceteris paribus-VWL-Theologen, Anm. d. Autors). „Von daher erscheint es mir wichtiger, die praktische Anwendung solcher Modelle etwa durch einen Ausbau der ökonometrischen Forschung zu verbessern, als nach lustigen oder auch weniger lustigen Anekdoten und Erzählungen zu suchen. Auch gegen noch mehr und bessere praktische Beispiele in der Volkswirtschaftslehre, wie es der langjährige Doyen der Wirtschaftswissenschaften, Paul Samuelson, in so vorbildlicher Weise vorgeführt hat, sowie eine verstärkte Zusammenarbeit mit angrenzenden Disziplinen wie der Geschichte, der Politologie, der Soziologie oder der Psychologie wäre meines Erachtens nichts einzuwenden. Aber Narrativ-Ökonomie? Nein, danke!“

Schumpeter war in Bonn weiter

Was der Doktor dort zu Papier gebracht hat, würde einem wohl auf fast jeder VWL- oder BWL-Fachtagung entgegen geschleudert werden. Wer die Gottheiten der Mainstream-Ökonomik antastet, erntet „Nein, danke“-Repliken. Dabei waren Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland schon einmal weiter, etwa Joseph Schumpeter, der in seiner Lehrtätigkeit an der Bonner Universität der mentalen Verfassung der Gesellschaft nachging. Die So­zio­lo­gie taucht nicht zu­fäl­lig so häu­fig in seinen Vor­le­sun­gen auf.

Wirtschaftsordnung und mentale Verfassung der Gesellschaft

Als er 1927 sei­nen ers­ten Auf­ent­halt als Gast­pro­fes­sor an der Har­vard Uni­ver­si­tät an­trat, hat­ten sich die dor­ti­gen So­zio­lo­gen noch nicht vom wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tut ab­ge­spal­ten, um eine selb­stän­dige „Gruppe für So­zi­al­be­zie­hun­gen“ zu bil­den. Das er­wies sich für Schumpe­ter als glück­li­cher Um­stand, denn seine ei­gene Be­trach­tungs­weise der Ökonomie ori­en­tierte sich im­mer stär­ker an der So­zio­lo­gie. Er war be­strebt, un­an­ge­mes­sene Ver­ein­fa­chun­gen zu ver­mei­den. Seine Hin­wen­dung zu ei­ner in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Sicht­weise des öko­no­mi­schen Ge­sche­hens brachte er be­reits 1926 in ei­nem Auf­satz un­ter dem Ti­tel „Gus­tav von Schmol­ler und die Pro­bleme von heute“ zum Aus­druck. Darin wür­digt er Schmol­ler da­für, das Feld der Na­tio­nal­öko­no­mie über die Gren­zen der rei­nen Theo­rie aus­ge­wei­tet zu ha­ben.

Schmol­ler habe ge­mein­sam mit Max We­ber ei­ner neuen Art von his­to­risch fun­dier­ter Wirt­schafts­so­zio­lo­gie oder So­zi­al­öko­no­mie den Weg ge­wie­sen. Das war sei­nen ei­ge­nen For­schun­gen ge­schul­det und sei­nen Er­fah­run­gen in Po­li­tik so­wie Ge­schäfts­le­ben. Belege für diese These finden sich in dem Aufsatz von 1928 „Die Ten­den­zen un­se­rer so­zia­len Struk­tur“.

Hier un­ter­sucht Schum­pe­ter die Dis­kre­panz zwi­schen der Wirt­schafts­ord­nung Deutsch­lands und der So­zi­al­struk­tur. Die Wirtschaftsorga­ni­sa­tion war ka­pi­ta­lis­tisch, die deut­sche Ge­sell­schaft war aber in ih­ren Ge­bräu­chen und Ge­wohn­hei­ten nach wie vor in länd­li­chen, ja so­gar feu­da­len Denk­wei­sen ge­fan­gen – heute in­dus­trie­ka­pi­ta­lis­tisch. Die öffentliche Meinung hinkte der wirtschaftlichen Realität hinterher, mit fatalen Folgen für den Arbeitsmarkt.

Hipster-Scheiß mit Ausbeutungsabsichten

Virus, Frame oder Mem – hier geht es nicht um lustige Geschichten oder Anekdoten, es geht um die Orientierung der Menschen, die zu massiven Veränderungen der Volkswirtschaften führen können. Etwa die Story vom anarchischen Sillicon Valley, die in Wahrheit nur ein lauwarmer Hipster-Scheiß zur Rechtfertigung von unentgeltlich geleisteter Arbeit ist. Nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Philip Mirowski sei das eine der wirksamsten Erzählungen zur Simulation von Rebellion. Man erzeugt eine blumige Fata Morgana, um den Menschen das Gefühl eines vollständigen Ausstiegs aus dem Marktsystem zu geben, um dieses Gefühl dann für Marktprozesse in Dienst zu nehmen.

Das Aufbegehren gegen das kapitalistische Establishment mit einer frechen Hacker-Kultur ist ein gigantisches Täuschungsmanöver. Dieses eigentümliche Hybrid aus freiwilliger unbezahlter Arbeit, hierarchischer Kontrolle und Kennzahlen-Orientierung in den Silicon Valley-Konzernen sowie kapitalistischer Aneignung sei in der gegenwärtigen Ära der Netzökonomie so vorherrschend geworden, dass manche darin eine neuartige Wirtschaftsordnung sehen. Der freiwillige Verzicht auf die Vergütung wertvoller Leistungen sorgt für satte Renditen bei den kalifornischen Technologie-Champions. Man bekommt als Gegenleistung das vage Versprechen, „Reichweite“ zu ernten und Netzwerke knüpfen zu können. „Für weniger als einen Hungerlohn erfüllen überqualifizierte Bittsteller die niedrigsten Aufgaben“, moniert Mirowski.

Illusion von Freiheit und Selbstbestimmung

Das färbt auch auf die traditionelle Wirtschaft ab. Man baut auf die Freelancer-Ökonomie und lässt die Freiberufler im Geist der Selbstbestimmung und Freiheit mit mickrigen Honoraren vor die Wand laufen. Hauptsache, alle haben ein gutes Gefühl im Duz-Modus.

Diesen Teil der Silicon Valley-Geschichte sollte neu erzählt werden. Etwa über den Haudrauf-Unternehmer Oliver Samwer, der sogar sterben würde, um zu gewinnen. Think big hat er seinen Leuten als Losung aufgegeben. Execution now, lautet einer seiner Lieblingsbefehle. Da hilft nur weglaufen und den Mittelfinger zeigen:

„Mir widerfuhr die traurige Ehre, dass ich nur drei Tage Personalchef von Groupon war und mit den Samwer-Brüdern zusammen gearbeitet habe, bis ich mich mit einem dieser Typen so anlegte, dass ich in der Mittagspause gegangen bin“, erläutert Heiko Fischer von Resourceful Humans.

Jungunternehmer-Pornohefte feiern Vulgärkapitalisten

Den Führungsstil solcher Karrieristen müsse man aufbrechen. Nicht nur das. Man muss ihnen in der Öffentlichkeit die Leviten lesen und sie entlarven. Etwa die Geschichten im Jungunternehmer-Pornoheft Business Punk, in dem die neue Unanständigkeit gefeiert und Arschlöcher wie Uber-Gründer Travis Kalanick abgejubelt werden. Es ist ja auch abgefahren, wenn jemand Gesetze für sinnlos hält, Steuerhinterziehung predigt und staatliche Regeln mit exterritorialen Insel-Pseudostaaten aushebeln will.

Öffentliche Kontrolle, anstrengende und zeitraubende Gesetzgebungsverfahren stören die Business Punker. Als Ergebnis bekommen wir repressive Toleranz, wie es Herbert Marcuse formulierte. Repräsentiert von Vulgär-Kapitalisten wie Donald Trump. Antidemokratische Systemzersetzung im Geiste egozentrischer Machtspiele á la Peter Thiel.

Auch das ist Teil der narrativen Ökonomie, die man endlich öffentlich und ohne Schongang debattieren sollte.

In #NEO18x Hubs könnten wir das im Vorfeld diskutieren und Zwischenergebnisse am Donnerstag, den 15. November vorstellen. Am Mittwoch, den 14. November machen wir wieder einen Studi-Tag mit Live-Sendungen. Alle Sessions werden natürlich via Facebook Live übertragen.

Am 9. und 10. November ist die Next Economy Open #NEO17x – Ideen für Sub-Events gefragt

Am 9. und 10. November ist es wieder soweit. Die virtuelles Next Economy Open geht an den Start. Das Prinzip der NEOx mit Satelliten hat Professor Lutz Becker im wissenschaftlichen Kontext erläutert:

„Im Jahre 2015 fand die Konferenz Next Economy Open erstmals in Bonn als stationäres Konferenzformat als ein Mix aus Barcamp und traditionellen Konferenzelementen statt. Im Jahr 2016 hat der Initiator, der Volkswirt, Blogger und Journalist Gunnar Sohn, der auch Lehrbeauftragter an der Hochschule Fresenius ist, die Konferenz erstmals als verteiltes digitales Format weiterentwickelt. Im Rahmen eines virtuellen Konferenzformates gab es mehrere digitale Konferenzstreams sowie regionale und stationäre Konferenz-Satelliten, die unter dem Dach der #NEO16x live ins Internet übertragen („gestreamt“) wurden. Es ging und geht dem Veranstalter um Paarbildungen zwischen Netzszene und Wirtschaft, um Brücken für neue Ideen, Kombinatorik, überraschende Verbindungen und Erkenntnisse, dauerhafte und fortlaufende Gespräche sowie offene Begegnungen. So werden Netzwerk-Effekte durch dezentralen Subevents initiiert, die man mit einer Präsenz-Veranstaltung an einem einzigen Ort nicht hervorrufen könnte.“

Im Gespräch mit Franz-Peter Staudt hatte ich Ende letzten Jahres schon einen Ausblick auf die NEO17x gewagt:

Am Donnerstagvormittag, also morgen, werde ich die diesjährige NEOx-Saison mit einem Livestream auf Facebook einläuten.

Eure Vorschläge für Sub-Events sind jetzt gefragt. Bis zum 1. September werden wir Euer Ideengewimmel einsammeln und dann den Ablauf festlegen. Dürfte so um den 15. September feststehen. Pre-Events sind natürlich auch immer willkommen. Ihr könntet also mit Projekten direkt loslegen.