Neue Ideen für Ökonomie und Ökonomik: Für die Next Economy sollten wir darüber nachdenken #NEO19x

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos diskutierten Ökonomen auch über Ökonomik und stellten neue Ideen für die Wirtschaftswissenschaft vor. Gerald Braunberger hat Sie im FAZ-Wirtschaftsblog vorgestellt. So richtig vom Hocker hauen mich die Überlegungen nicht.

So soll die Theorie des Unternehmens modernisiert werden – löblich. Aber mit Milton Friedman als Bezugsrahmen etwas fragwürdig. Vom Chicago-Boy stammt die These, dass ein Unternehmen als Ziel nur die Gewinnmaximierung verfolgen sollte: „Dem lag die Idee zugrunde, dass alleine der Aktionär einen variablen Anspruch an das Unternehmen hat. Läuft es gut, profitiert der Aktionär. Läuft es schlecht, sinkt der Aktienkurs. Sowohl Anleihegläubiger als auch Beschäftigte hatten in Friedmans Diktion feste Ansprüche an das Unternehmen wie Zinsen (Anleihegläubiger) oder Lohn (Beschäftigte). Unser Ökonom in Davos bezeichnete Friedmans Konzept als ökonomisch im Prinzip überzeugend und damit als Referenz geeignet, aber auch als zu eng. Er gab zu bedenken, dass es neben den Aktionären auch noch andere Gruppen gibt, die langfristig in ein Unternehmen investieren, zum Beispiel treue Lieferanten oder Arbeitnehmer, die nicht wechseln. Er regte an zu überprüfen, ob die Theorie des Unternehmens nicht in diesem Sinne breiter mit Blick auf alle Parteien, die langfristig in ein Unternehmen investieren, ausgearbeitet werden sollte“, so Braunberger.

Nun ja. Das geht besser. Was der Ökonom da in Davos als im Prinzip überzeugend bezeichnet, ist ja nun von vorgestern. Merkwürdigerweise hat sich in der Wissenschaft von den Unternehmen wie auch im allgemeinen Bewusstsein eine Ansicht durchgesetzt, Moral und Wirtschaft getrennt zu betrachten oder gar als Gegensatzpaar zu sehen, kritisiert Professor Reinhard Pfriem. Eine Beteiligung an der Mitgestaltung des politischen Gemeinwesens oder gar eine soziale Verantwortung dafür wird den Unternehmen mit dem Verweis auf ihre reduzierte ökonomische Funktion der Gewinnmaximierung abgesprochen. Zu den Stichwortgebern dieser vulgärkapitalistischen Sichtweise zählt eben Ökonomienobelpreisträger Friedman mit der Formel: „The social responsibility of business is to increase its profits.“

Diese Deutung der unternehmerischen Rolle und Aufgabe stellt eine Vorstellung dar, die nicht minder politisch und mit bestimmten Wertvorstellungen aufgeladen sei als alle anderen, so Pfriem. Wer schon eine Theorie des Unternehmens neu denkt, sollte doch auch direkt den Friedman ad acta legen.

Noch eine Idee: Erforscht die Ökonomik des Rentiers: „Viele Menschen zeigen sich über den politischen Erfolg von Populisten erstaunt. Wer sich intensiver mit dem Prekariat in Industrie- und Schwellenländern befasst, wird nicht erstaunt sein. Ein Problem sind die erheblichen Teile des BIP, die als Vergütungen an Menschen gehen, die man als Rentiers bezeichnen könnte. Darunter gibt es viele Menschen, die Bezüge aus der Verwertung geistigen Eigentums beziehen. Allein im Jahre 2016 wurden mehr als 3 Millionen Patente in der Welt angemeldet. Geld, das über Jahre an die Eigentümer dieser Patente gezahlt wird, steht nicht als Arbeitseinkommen für die Menschen zur Verfügung, die im Arbeitsleben stehen. Das trägt zur Einkommensungleichheit, zur Bildung eines Prekariats und damit zum politischen Populismus bei“, schreibt Braunberger. Geht schon in die richtige Richtung.

Einen Schritt weiter geht, was für eine Überraschung, der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof. Er hat gerade in seinem jüngsten Opus „Beherzte Freiheit“ eine kritische Haltung zum schrankenlosen Finanzkapitalismus formuliert. Der Finanzmarkt werde immer mächtiger. Er spekuliere auf den Niedergang von Staaten, auf den Niedergang von Unternehmen und „wenn sich dieser Niedergang tatsächlich ereignet, verdient daran der Spekulant. Da frage ich, durch welche Leistung hat dieser Spekulant seinen Gewinn verdient? Durch überhaupt keine Leistung. Ich spreche mich nachdrücklich für eine Transaktionssteuer aus, weil wir eine Gerechtigkeitslücke haben“, erläutert Kirchhof im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur.

Prinzipiell werde ein Umsatz mit der Umsatzsteuer belastet, aber die Finanzumsätze sind steuerfrei. „Auch der Finanzmarkt muss einen Beitrag für das Gemeinwesen leisten“, fordert Kirchhof.

Eine tolle Idee, die sich doch prima mit einer weiteren Idee verbinden lässt, die in Davos artikuliert wurde: Gebt der narrativen Ökonomik eine Chance. Narrative können nicht nur das politische Verhalten der Menschen beeinflussen, sondern auch ihr wirtschaftliches, betont Braunberger. „Wäre es nicht schlecht, dies analysieren zu können?“

Auch das ist ja nichts Neues. Die anderen Ideen, die in Davos vorgestellt wurden, sind kalter Kaffee. Schickt doch mal andere Ideengeber zum Weltwirtschaftsforum. Etwa Professor Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut. Oder wie wäre es mit Papst Franziskus: „Der Spekulant liebt sein Unternehmen nicht, er liebt die Arbeiter nicht, er betrachtet das Unternehmen und Arbeiter nur, um Profit zu machen​“, so Papst Franziskus. Flankierend sagt ​Reinhard Kardinal Marx, Leiter des päpstlichen Wirtschaftsrates: „Die Wirtschaft muss einem Ziel dienen. Wie Kommt dieses Ziel zustande? Durch den Markt selber? Durch die Kapitalinteressen kommt das Gute heraus? Das ist doch pure Ideologie“, so Kardinal Marx. Alle versuchen ihre persönlichen Gewinne zu erreichen und dann komme die gute Welt heraus. „Das ist doch nicht wahr. Es kommt mehr Ungleichheit heraus“, kritisiert Kardinal Marx.

Auf diese Dialoge wäre ich gespannt. Vorschläge könnte doch auch die Next Economy Open vom 26. bis 28. November entwickeln.

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„Wenn ihr die Dinge nicht verändert, verändert die Gesellschaft sie für euch“: Autorengespräch mit @trill_stephan auf der #NEO19x

Was soll das bitte sein: “Future Business”? Geht es hier um das nächste große Ding, die erstaunlichste technische Innovation, den heißesten Scheiß? Das fragt sich Stephan Grabmeier in seinem neuen Buch „FUTURE BUSINESS KOMPASSDER KOPÖFFNER FÜR BESSERES WIRTSCHAFTEN“, das auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert wird: Es geht um die Grundlagen für eine neue Art zu wirtschaften, in der die Versöhnung von wirtschaftlicher und sozialer Wertschöpfung gelingt. Um Grundlagen für eine bessere Wirtschaft, die enkelfähig ist, nachhaltig, sinnstiftend, werteorientiert, gerecht.

„Wir sind auf dem besten Weg, unsere Lebensgrundlagen unumkehrbar zu zerstören. So wie heute, können wir nicht weitermachen. Vom Club of Rome bis zu den UN Sustainable Development Goals war es ein weiter Weg. Immerhin verstehen mehr und mehr Gesellschaften, Regierungen, Unternehmen und Einzelne, dass sich Fundamentales ändern muss“, so Grabmeier.

Tektonische Verschiebungen in der Weltwirtschaft seien unübersehbar. „Die Signale an Unternehmen, Institutionen und ihre Lenker sind eindeutig: Wenn ihr die Dinge nicht verändert, verändert die Gesellschaft sie für euch. Wenn ihr nicht selbst Entdecker werden könnt oder wollt, ermuntert wenigstens die Entdecker in euren Organisationen und gebt ihnen die nötigen Mittel zur Erneuerung“, so der Autor.

Die Frage ist also nicht, ob wir theoretisch neues, besseres Wirtschaften brauchen. Die Frage ist konkret: Wer muss was wie bis wann anders und besser machen? Wo kann man Future Business entdecken und wie kommt man da hin? Diesen Fragen widmet sich dieses Buch.

Dazu gehören eine kurze makro- und mikroökonomische Analyse der heutigen Zustände und ihrer Ursachen sowie eine Momentaufnahme des laufenden wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Umbruchs: Themen, Programme und Initiativen rund um Purpose und Werteorientierung, nachhaltige Entwicklung und Umwelt, digitale Transformation und New Work, soziale Bewegungen und Kapitalismuskritik, Messgrößen und Steuerungsansätze. „Es gilt, Zukunftsräume für Zukunftsträume auszuloten.
So entsteht ein Bild im Kopf, in das sich unser Future Business einpasst“, erläutert Grabmeier.

Darüber sprechen wir auf der Next Economy Open mit Stephan Grabmeier am 28. November, um 17 Uhr.

Man hört, sieht und streamt sich 🙂

#NEO19x Session Freiheit schaffen: Wieso unsere Unternehmen toxisch sind und was wir dagegen tun können

#NEO19xc Session von Gabriel Fehrenbach am Donnerstag, den 28. November, um 10 Uhr:

Thema: Freiheit schaffen: Wieso unsere Unternehmen toxisch sind und was wir dagegen tun können

Inhalt: Unsere Unternehmen sind toxisch. Unser Automobilindustrie verdanken wir eine ökologisch desaströse Beweglichkeit für die Wohlhabenden. Der Bauunternehmen vor Ort ergattert sich durch Klüngel knapp vor der Korruption den nächsten Auftrag, während die Stadtverwaltung gemeinschaftszerstörende Baugebiete ausweist. Das
Sozialunternehmen manifestiert die Hilflosigkeit ihrer Klientel. Diese Giftigkeit unserer Organisationen ist ein weltweites Phänomen. Denn wir stoßen überall auf Unternehmen, die gesamtgesellschaftlich betrachtet, mehr zerstören als sie an Wert erschaffen.

Über die vergangenen Jahrhunderte hinweg haben wir Organisationen geschaffen und verändert und Theorien darüber entwickelt, wie Organisationen zu sein haben. Dabei haben wir die Wirkung und Auswirkung von Organisationen nicht wirklich verstanden, weil wir Organisationen selbst nicht verstanden haben. Organisationen sind soziale Strukturen, die, je nach Größe, einen weitreichenden Einfluss auf Gesellschaft und Ökologie haben. Organisationen sind zugleich auch lebende Organismen und verfügen – eigentlich – über ein Bewusstsein. Doch zu diesem Bewusstsein haben die wenigsten Organisationen Zugang. Ihnen fehlt an Klarheit darüber, welchen Einfluss ihre Verfasstheit und ihre Lebenswelt auf ihre Mitarbeiter und Partner hat. Und es fehlt Ihnen den Zugang dazu, welche Wirkungen ihr Handeln nach außen haben. Wenn wir uns vom Gift unserer Organisationen befreien wollen, müssen wir am Bewusstsein unserer Organisationen arbeiten.

Dafür braucht es drei Dinge:

a) Organisationen müssen verstehen, welchen eigentlichen Auftrag sie haben. Wozu sind sie da? Und was ist das, was nur sie können?

b) Organisationen müssen erkennen, worin sie eingebunden sind: Was ist ihr gesellschaftlicher Rahmen? Und wo überall wirken sie in ihrem Handeln?

c) Organisationen müssen lernfähig werden: Wie können sie auf die Krisen, in denen wir leben, antworten? Und wie verändern sie sich selbst dadurch?

Dabei hilft nicht die nächste Methodenrevolution. Alles, was als Methode oder Best Practice von außen an ein Unternehmen getragen wird, macht das Unternehmen kaputt. Auch wenn es das Management ist, dass dieser Idee einfach folgt und im eigenen Laden umsetzen will. Daher ist jede Beratung von außen ein Verbrechen an der Organisation.

Veränderung gelingt nur von innen, indem die Organisation an ihrem wirklichen Auftrag arbeitet und dabei klärt, nach welchen Mustern und Strukturen sie arbeitet. Da geht es um Organisationskultur und das Innenleben eines Unternehmens. Denn die Art, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Menschen zusammenarbeiten, hat eine massive Auswirkung auf die Produkte und deren Wirksamkeit oder Giftigkeit in der Gesellschaft.

Für diese Veränderung von innen müssen sich Organisationen befähigen. Sie müssen sich lernfähig machen durch Strukturen und Prozesse, die einzigartig sind. So einzigartig wie sie selbst. Die einzige Aufgabe, die eine externe Begleitung hat, ist Organisationen darin zu unterstützen, ihre Einzigartigkeit zu entdecken und zu entwickeln.

Wirtschaftstheorie gegen die vorherrschende Lehre – Netzökonomie-Session auf der Next Economy Open 2019 #NEO19x

Was die Mainstream-Ökonomik in Ekstase versetzt, sind nicht wirkmächtige Erklärungen des Wirtschaftsgeschehens, sondern Veröffentlichungen in hoch gerankten Fachpublikationen. Ökonometrie und das experimentelle Design gelten dabei als Ausdruck hoher Wissenschaftlichkeit, führen zu Berufungen an universitäre Lehrstühle, öffnen die Kassen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und bringen Steuergelder in die Drittfinanzierung – etwa über die Blaue Liste des Bundesfinanzministers. Ohne diese 40 bis 50 Millionen Euro, die jedes Jahr im Bundeshaushalt eingestellt werden, könnten die Wirtschaftsforschungsinstitute wohl nicht überleben.

Es fehlen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihrer Form der Wissenschaft relevante gesellschaftliche und politische Debatten anstoßen, moniert Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts, in einem Beitrag für den Sammelband „Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“.

Für neue Forschungsansätze sind das doch ideale Bedingungen. Wir könnten die „Wirtschaftstheorie“ mit einem Gestus der Revolte gegen die vorherrschenden Weltanschauungen aufladen – im Geiste der 68er. Theorie fängt schließlich mit Kulturkritik an und mit Abgrenzung von der herrschenden Lehre – schon Schopenhauer hat das in seinen kleinen philosophischen Schriften „Parerga und Paralipomena“ außerordentlich unterhaltsam zelebriert. Siehe auch: NIEMAND BETREIBT THEORIE OHNE GRUND.

Wir erschaffen eine neue Wissenschaft und verabschieden uns von BWL und VWL. Wie das geht, hat Friedrich Kittler mit der Erfindung der Medientheorie unter Beweis gestellt – in einem antiakademischen Gestus übrigens.

Nennen wir das Ganze einfach „Netzökonomie“ – da sind wir doch in der Next Economy Open-Community schon Trendsetter. Letztlich geht es im wirtschaftlichen Kontext um Kommunikation – also um Netzwerke: Familie, Verwandte, Freunde, Kollegen, Bekannte, Vereinsmitglieder, Stammtische, Nachbarn. „Kommunizieren ist gemeinsames Interpretieren“, so Birger P. Priddat, Professor für Wirtschaft und Philosophie. „Vertraut man bestimmten Netzwerken, kann diese Kommunikation entscheiden, welche Informationen informativ sind und welche nicht.“ Dabei spielen nach Ansicht von Priddat andere Dinge eine Rolle als rein ökonomische: Information, Kommunikation, Netzwerke, Vertrauen – hier befinden wir uns vollständig in der sprachlichen Dimension.

Der unterschätzte narrative Faktor

Die meisten ökonomischen Aktivitäten bestehen aus Überzeugungsarbeit. Realitäten werden über Dynamiken in Netzwerken erzeugt. Das kann man in tradierten Modellen nicht präzise abbilden und vorhersagen. Die Berechnungen der Ökonomik sind systematisch ungenau, weil die Methoden den narrativen Faktor mehr oder weniger ignorieren. Auf dieser Grundlage könne man ermessen, welchen Bullshit die Ökonomik erzählt, wenn sie uns suggerieren möchte, dass in die Zukunft hineingerechnet werden kann. Einbildungen – also Imaginationen – werden für die Entwicklung der Wirtschaft unterschätzt.

„Die Wirkung der Imagination beruht auf der Plausibilität ihrer Erzählung, so dass der Rezipient guten Glaubens werden kann, fortan die Welt aus der Perspektive der Erzählung neu zu betrachten“, so Priddat. Das Wirkliche sei letztlich nichts anderes als das, was verwirklicht wird. Die Poesie der Ökonomie sei eine Produktion von Bedeutungen. Das kann positive und auch negative Wirkungen erzielen.

Priddat, Professor für Wirtschaft und Philosophie, hat einen genialen Weg gefunden, das Lehrgebäude der Ökonomik in seinen Grundfesten zu zerlegen. Die Wirtschaftswissenschaftler betrachten ihre akademische Disziplin bekanntlich wie eine soziale Physik, weil sie so genau, präzise und logisch sei. Problem: Dieser Glaube existiert nur in den Köpfen der Ökonomen. „Nichtökonomen können das nicht prüfen, da sie die Sprache der Ökonomie, insbesondere ihre Algebra, weder kennen noch verstehen“, so Priddat.

Nun ist das mit dem Nichtverstehen nicht so dramatisch. Von Quantenphysik haben die meisten Menschen auch keinen blassen Schimmer. Dennoch gilt die Wirkmächtigkeit dieser Forschungsrichtung. Beim wirtschaftlichen Handeln sieht das aber anders aus. Hier geht es um eine soziale und politische Ökonomie. Die meisten Akteure der Wirtschaft können mit der Sprache der Ökonomen nichts anfangen. Sie nehmen sie nicht zur Kenntnis oder ignorieren sie in ihrem täglichen Schaffen. Das Verhalten der Wirtschaftsakteure ist irrationaler, emotionaler, moralischer, amoralischer, stimmungsabhängiger, kultureller geprägt, sozialer, konventionaler, als es der Normenkatalog der Rationalitäten der Ökonomik zulässt.

„Die Wirtschaft funktioniert wunderbar, ohne dass die Akteure etwas von Ökonomie verstehen – jedenfalls nicht so, wie Ökonomen Ökonomie verstehen“, erläutert Priddat.

Wenn das so ist, was leistet dann die Ökonomik überhaupt für die Analyse der Wirtschaft? Wenn viele nicht verstehen, was Ökonomen sagen: „Mit wem reden Ökonomen dann – außer mit sich selber? Wem erklären sie was? Und – wie funktioniert Wirtschaft dann tatsächlich?“, fragt sich der Wissenschaftler der Universität Witten-Herdecke. Vieles passt einfach nicht rein in die simplen mathematischen Modellwelten. Was algebraisch nicht abgebildet werden kann, bleibt links liegen. Oder man flüchtet sich in kleine Experimente mit völlig irrelevanten Forschungsfragen.

Wir brauchen also neue Beschreibungen und Erklärungen, wir brauchen andere Bilder und Konzepte der Ökonomie. Der methodologische Bullshit der Mainstream-Ökonomik läuft da ins Leere. Der Ausschluss von Ereignissen und Relationen, die Ignoranz kommunikativer Welten und die selbstbezüglichen Modellwelten demontieren die Wirtschaftswissenschaft. Wir brauchen etwas Neues: Narrative Netzökonomie. Das möchte ich in einer #NEO19x Session vertiefen. Vielleicht saufe ich mit dem Konzept auch ab. Egal. An einer Hochschule kann ich sowieso nicht mehr punkten – da sehnt man sich nach Powerpoint-Weisheiten zum Auswendiglernen. Wenn ich scheitere, freut sich wenigstens BachmannRudi auf Twitter, wenn er mich mal gerade nicht blockiert hat.

@condet020274 Wir lagern unsere Verantwortung in „externe“ Strukturen aus – Überlegungen zur Next Economy – Session-Ideen für die #NEO19x gefragt

Rückblick auf eine Next Economy Open-Session vor zwei Jahren:

Arbeiten in Zeiten der Digitalisierung – Session auf der Next Economy Open von Conny Dethloff, Otto Group. Seine Thesen: Wir lagern unsere Verantwortung in „externe“ Strukturen (Prozesse, Methoden, Rollen, Organigramme, Standards, Best Practice, Kennzahlen etc.) aus, um unsere Unsicherheit und Ungewissheit zu absorbieren. Dies ist allerdings nur scheinbar der Fall.

Wir müssen Natur und Mensch wieder mehr in den Vordergrund rücken. Natur und Mensch ist das Maß aller Dinge, nicht Technologie und daraus abgeleitet den Erfolg. Technologie darf kein Selbstzweck sein, sondern nur Mittel zum Zweck. Interessante Live-Session mit einem Exkurs zum Technikphilosophen und Logiker Gotthard Günther (1900-1984). Gotthard kritisierte die isoliert voneinander vorgehenden wissenschaftlichen und technologischen Einzeldisziplinen, die ihre philosophische Verankerung im mechanistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts haben. Dieses Weltbild ist der Komplexität und Dynamik der Verhältnisse, in denen wir heute leben, nicht mehr angemessen.

Habt Ihr Session-Ideen für die #NEO19x?

Wie kann man mit der Next Economy Open dauerhaft wirken? #NEO19x

Professor Lutz Becker von der Hochschule Fresenius ist schon eifrig dabei, Sessions für die diesjährige Next Economy Open auf die Beine zu stellen. Und da gibt es schon einen beträchtlichen Rücklauf.

Was bei der Next Economy Open und anderen Veranstaltungsformaten bei den Session-Gebern und aus Zeitgründen auch bei den Organisatoren ein wenig auf der Strecke bleibt, ist die nachhaltige Wirkung der NEOx vor, während und nach der Veranstaltungsphase.

Der Soziologe André Kieserling hat zu diesem Themenkomplex im Wissenschaftsteil der FAZ einen sehr wichtigen Beitrag geschrieben über die Notwendigkeit von intelligenten Tagungsorganisationen für die geisteswissenschaftliche Forschung. Letztlich gilt das für alle Disziplinen.

So verweist er auf Überlegungen, die die amerikanische Ethnologin Margaret Mead bereits gegen Ende der sechziger Jahre publizierte. Ihr Buch beginnt mit einer Kritik der wissenschaftlichen Großtagung, an der sie zwei Schwächen hervorhebt.

„Die eine liege im Vorrang der schriftlichen vor der mündlichen Kommunikation: Es würden Texte, die nach Länge und Dichte eigentlich für den Buchdruck bestimmt seien, einem zugleich wehrlosen und überforderten Publikum vorgelesen, mitunter gefolgt von einer Kritik des Vortrags, die ihm an Dichte, und oft auch an Länge, keineswegs nachstehe. Gebunden an diese Vorlagen, könnten die Redner aber weder aufeinander noch auf das Publikum reagieren. Eine zweite Schwäche liege darin, dass die Einladungspolitik einer Art von Proporzdenken folge. Die Wissenschaftler würden nicht als lernfähige Individuen eingeladen, sondern als Gruppenvertreter, die dann etwa ihr eigenes Fach oder die Lehrmeinung ihrer eigenen Schule zu repräsentieren hätten. Belohnt werde damit aber gerade nicht die Offenheit des Urteils, sondern die Treue zu einer bereits eingenommenen Position. Kein Wunder, so Mead, dass es dann oft bei der Wiederholung von schon Bekanntem bleibe und die offiziell doch gerade gesuchten Annäherung der verschiedenen Lager nicht recht vorankomme“, erläutert Kieserling.

Kleine Konferenzen organisieren

Mead plädiert für kleine wissenschaftliche Konferenzen. Vorteil: Dort gibt es kein passives Publikum und man steigt direkt in das Gespräch ein. Aber auch diese Form der wissenschaftlichen Tagung hat nach Ansicht von Kieserling Schwächen:

„Als Wissenschaftsgeselligkeit mag sie das gegenseitige Kennenlernen der Personen und vielleicht auch ihre Gewöhnung an fachliche oder nationale Besonderheiten erleichtern, aber sie hat keine greifbaren Erträge, und damit sind auch breitere Rückwirkungen auf den Forschungsprozess ausgeschlossen.“

Die kleine Gruppe um den Philosophen Hans Blumenberg umging dieses Problem, indem sie Mündlichkeit und Schriftlichkeit auf intelligente Weise verband. Die eigentliche Innovation der berühmten Tagungsreihe „Poetik und Hermeneutik“ lag in der Idee der ungehaltenen Rede.

„Die Vorträge der Tagungsteilnehmer wurden nicht vorgelesen, sondern vorher an alle Teilnehmer verschickt. Die Zusammenkünfte selbst waren als Diskussion über gemeinsame Lektüren und als Vorbereitung einer gemeinsamen Publikation angelegt, und das hat sie davor bewahrt, sich in bloßer Geselligkeit zu erschöpfen. Zugleich konnten diese ‚Vorträge‘, entlastet von der Rücksicht auf ein anwesendes Publikum, von einer Länge und Gründlichkeit sein, die man keinem Vortragenden jemals gestatten würde, und das wiederum kam dem Niveau der Diskussionen zugute“, führt André Kieserling aus.

Blumenberg war ein begnadeter Wissenschaftsorganisator und die Tagungsbände „Poetik und Hermeneutik“ haben die Geisteswissenschaften dauerhaft und nachhaltig beflügelt. Wie müsste man das heute organisieren?

Essentiell ist auf alle Fälle die Kunst der digitalen Dokumentation mehr oder weniger in Echtzeit: Kuratieren, dokumentieren, in Echtzeit reagieren, Ereignisse im Kontext einordnen, schnelle redaktionelle Aufbereitung, Einbettung von Fotos und Videos, Social Web-Dienste bedienen, Live-Videos auf Twitter begleiten und, und, und.

Also all das, was Annette Schnwindt auszeichnet.

Wir sollten sie für die #NEO19x gewinnen und dafür auch das nötigen Budget vorhalten. Mit der Next Economy Open schaffen wir virtuelle und reale Orte für Gespräche,
Debatten, Disputationen und Denkanstöße. Jetzt müssen wir für die notwendige Nachhaltigkeit, für die Anschlussfähigkeit in der Kommunikation und für die Herausbildung einer exzellenten Community sorgen 🙂

Experimente für die Next Economy in Wissenschaft und Praxis: Planungen für die #NEO19x an der @hs_fresenius starten

Im November 2019 wird die Live Konferenz Next Economy Open unter dem Hashtag #NEO19x zum vierten Mal an der Hochschule Fresenius in Köln stattfinden.

„Die erstmals 2015 von dem Blogger, Journalisten, Volkswirt und Lehrbeauftragten Gunnar Sohn als stationäre Konferenz in Bonn initiierte Veranstaltung wird seit 2016 live und in Farbe ins Internet gestreamt. Gunnar Sohn ist einer der Pioniere im Livestreaming, so bleibt es nicht aus, dass auch die Next Economy Open Vorläufer einer völlig neuen Generation von Konferenzen geworden ist“, schreibt Professor Lutz Becker

Traditionell will die Next Economy Open Studierende, Wissenschaftler und Praktiker zusammenbringen und einen kritischen Austausch zwischen den Sphären ermöglichen.

„Hier geht es vor allem darum, wie wirtschaftliches Handeln und Transformation Hand in Hand gehen, welche Folgen die Digitalisierung für unser Wirtschaftsgefüge hat, und wie wir die Herausforderungen des gesellschaftlichen und ökologischen Wandels mit Mitteln einer neuen Ökonomie bewältigen können. Es geht darum, ob und wie die Wirtschaft und ihre Narrative neu gedacht werden muss“, so Becker.

Auf der #NEO18 wirkten prominente Wissenschaftler, wie der ehemalige Vorsitzende der Monopolkommission Justus Haucap, der Ökonom Frank H. Witt (GISMA) und Jörg Müller-Lietzkow, Professor für Medienökonomie an der Uni Paderborn und Mitglied der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche Potenziale“ der Deutschen Bundestages, mit. Die Frage danach, welche Ökonomie auf uns zurollt, wurde aus verschiedensten Perspektiven und Anwendungen heraus beleuchtet.

Die Diskussionen der drei Tage im November 2018 drehten sich um Medien, Künstliche Intelligenz, Chat-Bots, Mobilität, Nachhaltigkeit, Klima, Ernährung und den Methodenstreit in der Ökonomik.

Auch in diesem Jahr bietet die virtuelle Konferenz eine eigene Plattform für die Forschung & Lehre: Sie ermöglicht es den Studierenden, Arbeitsproben öffentlich zu machen, mit der Internet-Community in Dialog zu treten und gleichzeitig mit den Möglichkeiten von Live-Medien zu experimentieren und somit „Media-Literacy“ eine zunehmend kritische Kernkompetenz für angehende Führungskräfte zu erwerben.

Dabei gehen das wissenschaftliche Lernen sowie die Strukturierung und die Vermittlung des Gelernten ganz im Sinne einer modernen Didaktik Hand in Hand.