#NEO19x Session Freiheit schaffen: Wieso unsere Unternehmen toxisch sind und was wir dagegen tun können

#NEO19xc Session von Gabriel Fehrenbach am Donnerstag, den 28. November, um 10 Uhr:

Thema: Freiheit schaffen: Wieso unsere Unternehmen toxisch sind und was wir dagegen tun können

Inhalt: Unsere Unternehmen sind toxisch. Unser Automobilindustrie verdanken wir eine ökologisch desaströse Beweglichkeit für die Wohlhabenden. Der Bauunternehmen vor Ort ergattert sich durch Klüngel knapp vor der Korruption den nächsten Auftrag, während die Stadtverwaltung gemeinschaftszerstörende Baugebiete ausweist. Das
Sozialunternehmen manifestiert die Hilflosigkeit ihrer Klientel. Diese Giftigkeit unserer Organisationen ist ein weltweites Phänomen. Denn wir stoßen überall auf Unternehmen, die gesamtgesellschaftlich betrachtet, mehr zerstören als sie an Wert erschaffen.

Über die vergangenen Jahrhunderte hinweg haben wir Organisationen geschaffen und verändert und Theorien darüber entwickelt, wie Organisationen zu sein haben. Dabei haben wir die Wirkung und Auswirkung von Organisationen nicht wirklich verstanden, weil wir Organisationen selbst nicht verstanden haben. Organisationen sind soziale Strukturen, die, je nach Größe, einen weitreichenden Einfluss auf Gesellschaft und Ökologie haben. Organisationen sind zugleich auch lebende Organismen und verfügen – eigentlich – über ein Bewusstsein. Doch zu diesem Bewusstsein haben die wenigsten Organisationen Zugang. Ihnen fehlt an Klarheit darüber, welchen Einfluss ihre Verfasstheit und ihre Lebenswelt auf ihre Mitarbeiter und Partner hat. Und es fehlt Ihnen den Zugang dazu, welche Wirkungen ihr Handeln nach außen haben. Wenn wir uns vom Gift unserer Organisationen befreien wollen, müssen wir am Bewusstsein unserer Organisationen arbeiten.

Dafür braucht es drei Dinge:

a) Organisationen müssen verstehen, welchen eigentlichen Auftrag sie haben. Wozu sind sie da? Und was ist das, was nur sie können?

b) Organisationen müssen erkennen, worin sie eingebunden sind: Was ist ihr gesellschaftlicher Rahmen? Und wo überall wirken sie in ihrem Handeln?

c) Organisationen müssen lernfähig werden: Wie können sie auf die Krisen, in denen wir leben, antworten? Und wie verändern sie sich selbst dadurch?

Dabei hilft nicht die nächste Methodenrevolution. Alles, was als Methode oder Best Practice von außen an ein Unternehmen getragen wird, macht das Unternehmen kaputt. Auch wenn es das Management ist, dass dieser Idee einfach folgt und im eigenen Laden umsetzen will. Daher ist jede Beratung von außen ein Verbrechen an der Organisation.

Veränderung gelingt nur von innen, indem die Organisation an ihrem wirklichen Auftrag arbeitet und dabei klärt, nach welchen Mustern und Strukturen sie arbeitet. Da geht es um Organisationskultur und das Innenleben eines Unternehmens. Denn die Art, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Menschen zusammenarbeiten, hat eine massive Auswirkung auf die Produkte und deren Wirksamkeit oder Giftigkeit in der Gesellschaft.

Für diese Veränderung von innen müssen sich Organisationen befähigen. Sie müssen sich lernfähig machen durch Strukturen und Prozesse, die einzigartig sind. So einzigartig wie sie selbst. Die einzige Aufgabe, die eine externe Begleitung hat, ist Organisationen darin zu unterstützen, ihre Einzigartigkeit zu entdecken und zu entwickeln.

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Wirtschaftstheorie gegen die vorherrschende Lehre – Netzökonomie-Session auf der Next Economy Open 2019 #NEO19x

Was die Mainstream-Ökonomik in Ekstase versetzt, sind nicht wirkmächtige Erklärungen des Wirtschaftsgeschehens, sondern Veröffentlichungen in hoch gerankten Fachpublikationen. Ökonometrie und das experimentelle Design gelten dabei als Ausdruck hoher Wissenschaftlichkeit, führen zu Berufungen an universitäre Lehrstühle, öffnen die Kassen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und bringen Steuergelder in die Drittfinanzierung – etwa über die Blaue Liste des Bundesfinanzministers. Ohne diese 40 bis 50 Millionen Euro, die jedes Jahr im Bundeshaushalt eingestellt werden, könnten die Wirtschaftsforschungsinstitute wohl nicht überleben.

Es fehlen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihrer Form der Wissenschaft relevante gesellschaftliche und politische Debatten anstoßen, moniert Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts, in einem Beitrag für den Sammelband „Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“.

Für neue Forschungsansätze sind das doch ideale Bedingungen. Wir könnten die „Wirtschaftstheorie“ mit einem Gestus der Revolte gegen die vorherrschenden Weltanschauungen aufladen – im Geiste der 68er. Theorie fängt schließlich mit Kulturkritik an und mit Abgrenzung von der herrschenden Lehre – schon Schopenhauer hat das in seinen kleinen philosophischen Schriften „Parerga und Paralipomena“ außerordentlich unterhaltsam zelebriert. Siehe auch: NIEMAND BETREIBT THEORIE OHNE GRUND.

Wir erschaffen eine neue Wissenschaft und verabschieden uns von BWL und VWL. Wie das geht, hat Friedrich Kittler mit der Erfindung der Medientheorie unter Beweis gestellt – in einem antiakademischen Gestus übrigens.

Nennen wir das Ganze einfach „Netzökonomie“ – da sind wir doch in der Next Economy Open-Community schon Trendsetter. Letztlich geht es im wirtschaftlichen Kontext um Kommunikation – also um Netzwerke: Familie, Verwandte, Freunde, Kollegen, Bekannte, Vereinsmitglieder, Stammtische, Nachbarn. „Kommunizieren ist gemeinsames Interpretieren“, so Birger P. Priddat, Professor für Wirtschaft und Philosophie. „Vertraut man bestimmten Netzwerken, kann diese Kommunikation entscheiden, welche Informationen informativ sind und welche nicht.“ Dabei spielen nach Ansicht von Priddat andere Dinge eine Rolle als rein ökonomische: Information, Kommunikation, Netzwerke, Vertrauen – hier befinden wir uns vollständig in der sprachlichen Dimension.

Der unterschätzte narrative Faktor

Die meisten ökonomischen Aktivitäten bestehen aus Überzeugungsarbeit. Realitäten werden über Dynamiken in Netzwerken erzeugt. Das kann man in tradierten Modellen nicht präzise abbilden und vorhersagen. Die Berechnungen der Ökonomik sind systematisch ungenau, weil die Methoden den narrativen Faktor mehr oder weniger ignorieren. Auf dieser Grundlage könne man ermessen, welchen Bullshit die Ökonomik erzählt, wenn sie uns suggerieren möchte, dass in die Zukunft hineingerechnet werden kann. Einbildungen – also Imaginationen – werden für die Entwicklung der Wirtschaft unterschätzt.

„Die Wirkung der Imagination beruht auf der Plausibilität ihrer Erzählung, so dass der Rezipient guten Glaubens werden kann, fortan die Welt aus der Perspektive der Erzählung neu zu betrachten“, so Priddat. Das Wirkliche sei letztlich nichts anderes als das, was verwirklicht wird. Die Poesie der Ökonomie sei eine Produktion von Bedeutungen. Das kann positive und auch negative Wirkungen erzielen.

Priddat, Professor für Wirtschaft und Philosophie, hat einen genialen Weg gefunden, das Lehrgebäude der Ökonomik in seinen Grundfesten zu zerlegen. Die Wirtschaftswissenschaftler betrachten ihre akademische Disziplin bekanntlich wie eine soziale Physik, weil sie so genau, präzise und logisch sei. Problem: Dieser Glaube existiert nur in den Köpfen der Ökonomen. „Nichtökonomen können das nicht prüfen, da sie die Sprache der Ökonomie, insbesondere ihre Algebra, weder kennen noch verstehen“, so Priddat.

Nun ist das mit dem Nichtverstehen nicht so dramatisch. Von Quantenphysik haben die meisten Menschen auch keinen blassen Schimmer. Dennoch gilt die Wirkmächtigkeit dieser Forschungsrichtung. Beim wirtschaftlichen Handeln sieht das aber anders aus. Hier geht es um eine soziale und politische Ökonomie. Die meisten Akteure der Wirtschaft können mit der Sprache der Ökonomen nichts anfangen. Sie nehmen sie nicht zur Kenntnis oder ignorieren sie in ihrem täglichen Schaffen. Das Verhalten der Wirtschaftsakteure ist irrationaler, emotionaler, moralischer, amoralischer, stimmungsabhängiger, kultureller geprägt, sozialer, konventionaler, als es der Normenkatalog der Rationalitäten der Ökonomik zulässt.

„Die Wirtschaft funktioniert wunderbar, ohne dass die Akteure etwas von Ökonomie verstehen – jedenfalls nicht so, wie Ökonomen Ökonomie verstehen“, erläutert Priddat.

Wenn das so ist, was leistet dann die Ökonomik überhaupt für die Analyse der Wirtschaft? Wenn viele nicht verstehen, was Ökonomen sagen: „Mit wem reden Ökonomen dann – außer mit sich selber? Wem erklären sie was? Und – wie funktioniert Wirtschaft dann tatsächlich?“, fragt sich der Wissenschaftler der Universität Witten-Herdecke. Vieles passt einfach nicht rein in die simplen mathematischen Modellwelten. Was algebraisch nicht abgebildet werden kann, bleibt links liegen. Oder man flüchtet sich in kleine Experimente mit völlig irrelevanten Forschungsfragen.

Wir brauchen also neue Beschreibungen und Erklärungen, wir brauchen andere Bilder und Konzepte der Ökonomie. Der methodologische Bullshit der Mainstream-Ökonomik läuft da ins Leere. Der Ausschluss von Ereignissen und Relationen, die Ignoranz kommunikativer Welten und die selbstbezüglichen Modellwelten demontieren die Wirtschaftswissenschaft. Wir brauchen etwas Neues: Narrative Netzökonomie. Das möchte ich in einer #NEO19x Session vertiefen. Vielleicht saufe ich mit dem Konzept auch ab. Egal. An einer Hochschule kann ich sowieso nicht mehr punkten – da sehnt man sich nach Powerpoint-Weisheiten zum Auswendiglernen. Wenn ich scheitere, freut sich wenigstens BachmannRudi auf Twitter, wenn er mich mal gerade nicht blockiert hat.

@condet020274 Wir lagern unsere Verantwortung in „externe“ Strukturen aus – Überlegungen zur Next Economy – Session-Ideen für die #NEO19x gefragt

Rückblick auf eine Next Economy Open-Session vor zwei Jahren:

Arbeiten in Zeiten der Digitalisierung – Session auf der Next Economy Open von Conny Dethloff, Otto Group. Seine Thesen: Wir lagern unsere Verantwortung in „externe“ Strukturen (Prozesse, Methoden, Rollen, Organigramme, Standards, Best Practice, Kennzahlen etc.) aus, um unsere Unsicherheit und Ungewissheit zu absorbieren. Dies ist allerdings nur scheinbar der Fall.

Wir müssen Natur und Mensch wieder mehr in den Vordergrund rücken. Natur und Mensch ist das Maß aller Dinge, nicht Technologie und daraus abgeleitet den Erfolg. Technologie darf kein Selbstzweck sein, sondern nur Mittel zum Zweck. Interessante Live-Session mit einem Exkurs zum Technikphilosophen und Logiker Gotthard Günther (1900-1984). Gotthard kritisierte die isoliert voneinander vorgehenden wissenschaftlichen und technologischen Einzeldisziplinen, die ihre philosophische Verankerung im mechanistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts haben. Dieses Weltbild ist der Komplexität und Dynamik der Verhältnisse, in denen wir heute leben, nicht mehr angemessen.

Habt Ihr Session-Ideen für die #NEO19x?

Experimente für die Next Economy in Wissenschaft und Praxis: Planungen für die #NEO19x an der @hs_fresenius starten

Im November 2019 wird die Live Konferenz Next Economy Open unter dem Hashtag #NEO19x zum vierten Mal an der Hochschule Fresenius in Köln stattfinden.

„Die erstmals 2015 von dem Blogger, Journalisten, Volkswirt und Lehrbeauftragten Gunnar Sohn als stationäre Konferenz in Bonn initiierte Veranstaltung wird seit 2016 live und in Farbe ins Internet gestreamt. Gunnar Sohn ist einer der Pioniere im Livestreaming, so bleibt es nicht aus, dass auch die Next Economy Open Vorläufer einer völlig neuen Generation von Konferenzen geworden ist“, schreibt Professor Lutz Becker

Traditionell will die Next Economy Open Studierende, Wissenschaftler und Praktiker zusammenbringen und einen kritischen Austausch zwischen den Sphären ermöglichen.

„Hier geht es vor allem darum, wie wirtschaftliches Handeln und Transformation Hand in Hand gehen, welche Folgen die Digitalisierung für unser Wirtschaftsgefüge hat, und wie wir die Herausforderungen des gesellschaftlichen und ökologischen Wandels mit Mitteln einer neuen Ökonomie bewältigen können. Es geht darum, ob und wie die Wirtschaft und ihre Narrative neu gedacht werden muss“, so Becker.

Auf der #NEO18 wirkten prominente Wissenschaftler, wie der ehemalige Vorsitzende der Monopolkommission Justus Haucap, der Ökonom Frank H. Witt (GISMA) und Jörg Müller-Lietzkow, Professor für Medienökonomie an der Uni Paderborn und Mitglied der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche Potenziale“ der Deutschen Bundestages, mit. Die Frage danach, welche Ökonomie auf uns zurollt, wurde aus verschiedensten Perspektiven und Anwendungen heraus beleuchtet.

Die Diskussionen der drei Tage im November 2018 drehten sich um Medien, Künstliche Intelligenz, Chat-Bots, Mobilität, Nachhaltigkeit, Klima, Ernährung und den Methodenstreit in der Ökonomik.

Auch in diesem Jahr bietet die virtuelle Konferenz eine eigene Plattform für die Forschung & Lehre: Sie ermöglicht es den Studierenden, Arbeitsproben öffentlich zu machen, mit der Internet-Community in Dialog zu treten und gleichzeitig mit den Möglichkeiten von Live-Medien zu experimentieren und somit „Media-Literacy“ eine zunehmend kritische Kernkompetenz für angehende Führungskräfte zu erwerben.

Dabei gehen das wissenschaftliche Lernen sowie die Strukturierung und die Vermittlung des Gelernten ganz im Sinne einer modernen Didaktik Hand in Hand.

Livestreaming-Checkliste für die Sessiongeber auf der Next Economy Open #NEO18x

Bekanntlich läuft die #NEO18x vom 13. bis 15. November virtuell. Bei allen Vorteilen der Ortsunabhängigkeit gibt es ein paar technische Details fürs Livestreaming via Skype und der Software Ecamm Live zu beachten:

Netzverbindung

Empfehlenswert ist eine synchrone Bandbreite von mindestens 5 Mbit pro Sekunde im Up- und Downstream. 5 Mbit im Upstream sind keine Kleinigkeit, die meisten User in Deutschland haben weniger (mit freundlichen Grüßen an die Bundesregierung und Doro Bär – die Digitalbeauftragte im Kanzleramt findet ja das Infrastruktur-Thema langweilig). Wenn möglich, sollte man seinen Computer mit einem LAN-Kabel verbinden. Bei einer Funkverbindung via WLAN teilt man die zur Verfügung stehende Bandbreite mit den eingebuchten Nutzern auf – das dürfte beruflich (Kolleginnen und Kollegen) und privat (Familienmitglieder) eher die Regel sein. Ist die Netzverbindung schwach, drosseln die Plattformen automatisch die Übertragungsqualität, damit die Übertragung nicht abreißt. Das gibt Einbußen beim Ton und noch extremer beim Bewegtbild.

Kamera

Die meisten Laptops sind mit Webcam und eingebautem Mikrofon ausgestattet. Noch besser sind allerdings externe Geräte mit USB-Anschluss. Also eine Webcam mit einer HD-Auflösung von mindestens 720p (beispielsweise die Logitech C920) und ein externes USB-Mikrofon wie das Samson Meteor (gibt es mittlerweile für schlappe 69 Euro). Headsets sehen bei den Interviews immer etwas blöd aus. Beim Podcasting sehr sinnvoll, bei Video-Formaten eher nicht.

Licht

Nicht unterschätzen sollte man die Lichtverhältnisse. Häufiger Fehler: Fenster im Rücken, so dass die Webcam Gegenlicht bekommt und der Teilnehmer zum Dunkelmann mutiert. Die Webcam darf generell kein Gegenlicht bekommen – das ist wie beim Fotografieren gegen das Sonnenlicht. Zwei Schreibtischlampen, die man hinter der Webcam platziert. reichen für gute Lichtverhältnisse aus. Auf das Tageslicht sollte man sich nicht verlassen, da es je nach Uhr- und Jahreszeit wechselt. Von den täglichen Wetterkapriolen mal ganz abgesehen.

Hier der Link zu den Skype-Sessions.

Man muss Öffentlichkeiten völlig neu beschreiben @ejo_de @bpb_de @JWI_Berlin – Die #NEO18x Session von @larsbas @digitalnaiv und @gsohn

An der FU-Berlin wurde bei den Publizisten eine neue Professur eingerichtet:

„Übernommen hat sie Ulrike Klinger, die bislang an der Universität Zürich erforschte, wie dramatisch sich Medien, Journalismus und die politische Kommunikation verändern“, schreibt Stephan Russ-Mohl, Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Università della svizzera italiana in Lugano.

In ihrer Antrittsvorlesung hat sich Klingner mit dem „Ende der Öffentlichkeit“ befasst – der Öffentlichkeit, wie „wir sie kennen und wie wir sie bisher konzeptualisiert, uns vorgestellt und vermessen haben“. Gerade die politische Kommunikation verlagere sich online immer mehr in jene Bereiche von Plattformen wie Facebook oder Twitter, die nicht mehr öffentlich beobachtbar seien und die von Algorithmen, Bots – sprich: textverarbeitenden „Robotern“ – und Trollen beeinflusst werden. Passt doch gut zu den Äußerungen ihres Kollegen Professor Martin Emmer im Interview mit Daniel Kraft und mir:

“Daran arbeitet die Kommunikationswissenschaft momentan sehr intensiv. Man muss Öffentlichkeiten völlig neu beschreiben. Die ganzen klassischen Modelle, die auf Massenmedien aufbauen, kann man heute vergessen. Wir knabbern dabei aber ganz schön an der Dynamik der technischen Entwicklung. Ich habe in den 90er Jahren angefangen mit klassischer Internet-Forschung. Das deckt aber alles, was wir unter soziale Medien verstehen, gar nicht mehr ab.“

Das sei eine große Herausforderung für die Wissenschaft, betont Emmer.

Klinger betonte nach dem Bericht von Russ-Mohl, wieviel die Ausgestaltung digitaler Kommunikation mit Macht zu tun habe: Wer die Angebote gestalte, bestimme auch, was wir mit diesen Medien tun können, und was nicht:

„Wenn etwa Facebook neue Features speziell für Wahlkämpfe einführt, beeinflusst das, wie Bürgerinnen und Bürger in Beziehung mit politischen Akteuren und Institutionen geraten und diese gestalten können.“

Programmierer, Entwickler, Designer und Investoren würden so „unsere digitale Welt nach ihren Vorstellungen einrichten“, die Differenz zwischen öffentlichem Raum und Privatsphäre werde eingeebnet. Dazu kommen noch die Unternehmen als Akteure für Content im Netz. Professor Lutz Frühbrodt sieht diese Entwicklungen bekanntlich als weiteren Sargnagel des Journalismus. Fragt sich nur, wer dafür verantwortlich ist? Klaus Eck von der Agentur d.Tales sieht die Schuld nicht bei den Unternehmen. Firmen wollen unabhängig von den journalistischen Gatekeepern agieren. Das sei aber keine Umgehungsstrategie.

„In manchen Branchen sind diese Gatekeeper gar nicht mehr vorhanden. Etwa in der IT-Industrie. Wie viele Zeitschriften gibt es da noch? Man möchte als Kommunikator gerne mit Medien zusammenarbeiten. Es fehlen aber die Anschlussstellen“, sagt Eck.

Der Journalismus brauche keinen Gegner.

„Die schlagen den Sargnagel selbst ein. Ich finde es schade, dass Medien viele Themen nicht mehr aufgreifen – beispielsweise im Lokaljournalismus. Mit den radikal ausgedünnten Redaktionen kann man nicht mehr umfassend berichten“, erläutert Eck.

Noch trüber sieht es im Fachjournalismus aus. Im Durchschnitt werden dort die Publikationen von 1,5 Personen gemacht. Ein Chefredakteur und vielleicht noch eine halbe Schreibkraft. Das wird dann kompensiert mit vielen „freien“ Autoren.

„Die kommen überwiegend von Unternehmen, die in den Fachmedien ihre Artikel ‚platzieren’. Die Content-Produktion wird ausgelagert“, weiß Eck.

Folge: Auch Fachmedien machen sich überflüssig, weil Unternehmen auf die Idee kommen, solche Formate selbst auf die Beine zu stellen. Die Kompetenz, die Unternehmen bei Fachthemen haben, gehen viel tiefer. Es sei leichter, meint Eck, aus einer fachlichen Kompetenz eine journalistische Kompetenz zu machen als umgekehrt.

Marken werden also zunehmend zu Sendern, weil sie mit ihren Botschaften bei den etablierten Medien nicht mehr durchdringen. Als integrative Kraft spielt der Journalismus in der Netzwerkgesellschaft eine immer geringere Rolle. Nach Analysen von Volker Banholzer, Professor für Technikjournalismus und Technik-PR, fehlen Konzepte für eine fragmental differenzierte Gesellschaft. Im Internet dominieren privatisierte Öffentlichkeiten. Der Journalismus müsste Konzepte für diese Netzwerke entwickeln.

„Das tut er aber nicht“, kritisiert Banholzer.

Wenn Unternehmen zu wenig in der veröffentlichten Meinung vorkommen, entwickeln sie eigene Konzepte. Indirekt ist das ein Angriff auf das Deutungsmonopol der Medien und verändert die Spielregeln für die Entstehung von öffentlicher Meinung.

Darüber reden wir in der #NEO18x Session am Donnerstag, den 15. November 2018, um 16 Uhr. Thema: Neue Öffentlichkeiten über Corporate Publishing. Mit dabei: Lars Basche, Stefan Pfeiffer und icke – also Gunnar Sohn. Wer sich an der Session live beteiligen will, kann über Skype dazu geschaltet werden.

Möglichkeitsräume für die Next Economy #NEO18x #BarcampDUS @HS_Fresenius

Die Next Economy ist ein Prozess des Zusammentreffens grundlegender ökonomischer Prinzipien mit neuen Möglichkeitsräumen. Das schreibt Professor Lutz Becker von der Kölner Hochschule Fresenius in einem sehr lesenswerten Beitrag für den Band „Transformative Wissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“, kürzlich erschienen im Metropolis Verlag.

Es geht dabei um den technischen, sozialen, organisatorischen, politischen und kulturellen Wandel. All das wollen wir vom 13. bis 15. November auf der Next Economy Open diskutieren. 2015 starteten wir in Bonn bekanntlich mit einem stationären Konferenzformat – ein Mix aus Barcamp und Call for papers-Sessions. Ein Jahr später entwickelten wir das Ganze als ein verteiltes digitales Event weiter.

Da kam zur NEO quasi das x dazu. Alle Session werden live gestreamt und bestehen aus regionalen und stationären Konferenz-Satelliten. Es ging und geht den Veranstaltern und Sessiongebern um Paarbildungen zwischen Netzszene und Wirtschaft, um Brücken für neue Ideen, Kombinatorik, überraschende Verbindungen und Erkenntnisse, dauerhafte und fortlaufende Gespräche sowie offene Begegnungen. So werden Netzwerk-Effekte durch dezentrale Subevents initiiert, die man mit einer Präsenz-Veranstaltung an einem einzigen Ort nicht hervorrufen könnte.

Zur diesjährigen #NEO18x

Zweiter Versuch – gab gerade ein kleines technisches Problem

Disruptiver Begriffsnebel – Netzökonomie ohne theoretisches Fundament: #NEO18x Session-Themen am 15. November

Wenn Wirkungen der Digitalisierung für Wirtschaft und Gesellschaft auf öffentlichen Bühnen erläutert werden, purzeln immer wieder die gleichen Formulierungen und Beispiele der so genannten Digital-Evangelisten heraus: Prozesse der kreativen Zerstörung, digitaler Darwinismus und natürlich die Angriffe der disruptiven Innovatoren des Silicon Valley, die zum Sterben ganzer Branchen und Unternehmen beitragen, dürfen dabei nicht fehlen.

„Das Lieblingswort deutscher Manager ist zurzeit ‚digitale Transformation“. Sie wollen ihre Geschäftsmodelle ‚an das digitale Zeitalter anpassen.’ Für die Gründer im Silicon Valley ergibt das keinen Sinn. Denn sie sind überzeugt: Das Wesen der Digitalisierung ist Revolution. Ihre Geschäftsmodelle beruhen auf ‚Disruption“, so der Erklärungsversuch der Zeitschrift brandeins.

Disruptives Lebensgefühl

Disruption bedeute Unterbrechung. Gemeint sei die Zerstörung traditioneller Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten.

„Der Begriff ist für die Gründergeneration mehr als eine volkswirtschaftliche Vokabel, er steht für ihr Lebensgefühl“, schreibt brandeins.

Und genau das bringt Professor Clayton M. Christensen, dem Vater der Disruptionstheorie auf die Palme. Er wollte vor 20 Jahren ein Modell entwickeln, um vorherzusagen, welche aufstrebenden Unternehmen beim Einstieg in einen neuen Markt Erfolg haben werden und welche nicht.

Die Theorie verliere ihren Nutzen, wenn sie beliebig auf jede Art von Innovation projiziert wird, bemängelt Christensen. „Disruptive Innovationen“ werden mittlerweile auf so ziemlich alle Situationen ins Feld geführt, in denen sich eine Branche verändert und die zuvor erfolgreichen Platzhirsche in Bedrängnis geraten. Der Taxi-Rebell Uber wird dabei fast immer als Beispiel genannt. Schließlich hat das Startup-Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 2009 ein sagenhaftes Wachstum hingelegt, ist in über 60 Ländern aktiv und wird von Investoren mit rund 50 Milliarden Dollar bewertet. Uber verändert das Taxigewerbe nicht nur in den USA. Aber ist das Unternehmen auch disruptiv? Christensen verneint das:

„Die revolutionären Neuerungen, die unsere Theorie beschreibt, können sich deshalb durchsetzen, weil die etablierten Unternehmen zwei Arten von Märkten übersehen. Erstens das untere Preissegment, in dem Neulinge Fuß fassen können, weil die Platzhirsche typischerweise versuchen, den profitabelsten und anspruchsvollsten Kunden immer bessere Produkte und Dienste zu verkaufen; den Rest der Kundschaft vernachlässigen sie dabei.“

Für Neueinsteiger eine gute Gelegenheit, den weniger anspruchsvollen Kunden Produkte oder Dienste zu offerieren, die gerade gut genug sind, etwa beim Siegeszug von Kleinkopierern im Marktsegment von Xerox, die nur Großkunden bedienten. Dann gibt es Innovationen in neuen Märkten, die von disruptiven Unternehmen selbst erschaffen werden:

„Einfach ausgedrückt finden diese einen Weg, Nichtkonsumenten in Konsumenten zu verwandeln“, erläutert Christensen.

Uber greift den Massenmarkt an

Uber habe genau den gegenteiligen Ansatz gewählt:

„Zunächst hat das Unternehmen eine starke Position im Massenmarkt aufgebaut, dann erst hat es bislang unbeachtete Segmente angepeilt.“

Noch weniger disruptiv ist MyTaxi, die sich mit ihrem Angebot im monopolistischen Taximarkt tummeln und mit ihrer App die etablierten Platzhirsche abgrasen.
Bei beiden Unternehmen handelt es sich um erhaltende Innovationen – also ähnlich wie die fünfte Klinge eines Rasierers, die uns in der Fernsehwerbung als bahnbrechende technologische Neuerung verkauft wird. Was typisch ist für erhaltende Innovationen, sind die Gegenreaktionen der etablierten Unternehmen. So setzen Taxiunternehmen neue Technologien ein, um es den Kunden leichter zu machen, ein Taxi zu bestellen und den Service zu bewerten. Oder sie fechten schlichtweg die Rechtmäßigkeit von Uber-Angeboten an.

Einen disruptiven Weg legte hingegen Netflix hin. Das Unternehmen startete 1997 mit der Möglichkeit, Filme über die Netflix-Website auszuleihen und die DVD per Post zu erhalten. Für Videothekenketten wie Blockbuster anfänglich keine große Bedrohung.

„Dank neuer Technologien konnte Netflix jedoch sein Geschäft auf das Streamen von Filmen über das Internet verlagern. Dadurch wurde das Angebot schließlich auch für die Kernkundschaft von Blockbuster attraktiv”, erläutert Christensen.

Wichtig sei dabei die Betrachtung über einen gewissen Zeitraum. Man könne nicht sofort von einer disruptiven Innovation sprechen, ohne die Entwicklungskurve zu beobachten.

Netflix bietet mittlerweile eine größere Auswahl, eine Flatrate, niedrige Preise, eine hohe Qualität und einen sehr bequemen sowie massentauglichen Zugang. Wäre Netflix wie Uber sofort auf den Kernmarkt der größten Konkurrenten losgegangen, wären heftige Gegenreaktionen von Blockbuster & Co. die Folge gewesen. Blockbuster unterließ es jedoch, den Aufstieg des Newcomers zu kontern und landete in der Pleite.

Die Kollmann-Frage und der heiße Scheiß des Silicon Valley

Deshalb ist die Frage, die Professor Tobias Kollmann von der Universität Duisburg-Essen bei einer netzökonomischen Fachrunde auf der Cebit stellte, gar nicht so einfach zu beantworten: Welches Startup aus dem Silicon Valley mit einer tollen disruptiven Innovation und einer Menge Geld wird etablierte Branchen kaputtmachen?

„Es ist nicht gleich alles Disruption, was Venture Capital bekommt, im Hipster-Industrie-Loft sitzt, bei Samwers ein Praktikum gemacht hat und bald im App-Store auf den untersten Rängen verfügbar ist. Wir, die Berater, die Medien, die ‚Das ist der heiße Scheiß’-Apologeten und Digitalisierungs-Apokalyptiker klammern uns bisweilen an diesen Begriff, weil uns selbst die Innovationen fehlen. Man braucht ja Themen, um gehört zu werden. Uber und Airbnb sind noch keine wahren Disruptionen, sondern maximal leichte Markterschütterungen – die man allerdings nicht unterschätzen sollte“, sagt der Kölner Mittelstandsexperte Marco Petracca.

Carsharing und die Autoindustrie

Für den Volkswirt Thomas Vehmeier ist das Carsharing-Angebot von Cambio disruptiv. Durch die unkomplizierte Kurzzeitmiete können auch Nichtbesitzer eines fahrbaren Untersatzes ab und zu mit einem Auto fahren. „Mittlerweile funktioniert der Service so gut, dass diese Art des Sharings für viele dazu führt, gar kein Auto mehr zu kaufen.“ Das Modell könnte sich jedenfalls sehr gut weiter nach oben arbeiten, vermutet Vehmeier. Aber sind durch Cambio und weitere Anbieter etablierte Platzhirsche der Autoindustrie vom Markt gefegt worden? Mitnichten. Hat sich die Zahl der PKWs reduziert? Nein. Im vergangenen Jahr lag man in Deutschland bei rund 44 Millionen. 2016 liegt die Zahl wohl bei über 45 Millionen. Noch keine Spur von Disruption.

Professor Lutz Becker, Studiendekan der Fresenius Hochschule, hat seine Studenten befragt,
die gerade von einer Silicon Valley-Exkursion zurückgekommen sind. Tenor: Es gibt wenig Neues im Valley. Kleine Änderungen werden als disruptiv stilisiert. „Interessant ist die ‚Disruption’ eher im Nichtdigitalen: Führungsstil, Unternehmenskultur und gesellschaftliche Denkhaltungen. Es braucht für Innovation ‚Störer’, die eingefahrene Denkrichtungen aufbrechen. Das können Einzelpersonen wie Steve Jobs oder Elon Musk sein, aber auch der Staat. Etwa bei der Energiewende.“

Prognosekraft des Christensen-Modells

Hat der Harvard-Ökonom Christensen mit seiner Disruptionstheorie wenigstens ein valides Prognosemodell auf den Weg gebracht, um zu erkennen, welche traditionellen Unternehmen die Morgenröte der Netzökonomie noch erleben werden?

Davon sind zumindest die Veranstalter der weltweit wichtigsten Gründerkonferenz mit dem Titel „Disrupt“ überzeugt. Dort erzählen fast alle Redner, welche Branchen, Märkte und Großunternehmen reif für eine „Disruption“ seien. Dennoch gelingt es kaum einem der vor Selbstsicherheit strotzenden kreativen Zerstörer vorherzusagen, welche Technik in Verbindung mit welchem Geschäftsmodell das Zeug hat, einen Markt grundsätzlich zu verändern oder gar einen neuen zu schaffen.

Die neue Logik der Netzökonomie

Vielleicht argumentieren Christensen und seine Apologeten zur sehr auf einem betriebswirtschaftlichen Niveau und vernachlässigen schlichtweg die neue Logik der Netzökonomie, die sich nicht mehr über einzelne Firmen, Branchen oder Produkte definieren lässt. „Es geht heute eben nicht mehr um DIE Branche, die revolutioniert wird. Netzunternehmen sind Plattformen, die eine neue Gliederung über die Matrix der Branchen legen. Ist Amazon nur der Wettbewerber des Buchhandels? Sicher nicht“, betont Professor Peter Wippermann. 

Uber sei auch Wettbewerber des lokalen Taxifunks, liefert Catering, organisiert Location Based Services für Marketing und Vertrieb. „Wahrscheinlich wird es nicht dabei bleiben“, vermutet der Hamburger Analyst. Plattform-Theoretiker wie der US-Ökonom Van Alstyne sehen das noch radikaler. Sie definieren eine Plattform als einen veröffentlichten Standard, mit dem sich andere verbinden können, zusammen mit einem Governance-Modell, also den Regeln, wer wie viel bekommt. Praktiker wie Zhang Ruimin erkennen ein völlig neues Management-Konzept: In Zukunft werde es nur noch Plattform-Inhaber, Unternehmer und Mikrounternehmer geben. Die fünf Forschungszentren seiner Firma Haier funktionieren heute schon wie Plattformen, auf denen Unternehmer zusammenarbeiten. Eine solche Plattform-Sichtweise hinterfragt alle Unternehmen.

„Es geht nicht mehr nur um die eigenen Ressourcen und Kompetenzen, sondern immer mehr auch um den Zugang zu Netzwerken“, resümiert Winfried Felser von der Competence Site.

Heute können selbst alte Manufakturen mit kleiner Stückzahl punkten, die auf Co-Kreation setzen – also auf die gemeinschaftliche Entwicklung von Produkten. Beste Startbedingungen für kleine Tüftler.

Schumpeter statt Christensen

Die Kombination vorhandener Fähigkeiten mit neuen Technologien über Plattformen ist dabei eine Rezeptur, um wirtschaftlich zu überleben. Ist das disruptiv? Nach der Theorie nicht so ganz. Aber es ist schlau und entspricht der Innovationstheorie von Joseph Schumpeter. Der Ökonom wird ständig reduziert auf den Begriff der kreativen Zerstörung. Dabei bietet Schumpeter mehr. Er kritisiert die statischen Unternehmer, die nicht in der Lage ist, mit Neuem zu experimentieren.

Als zweite Gruppe definiert Schumpeter Menschen, die zwar mit einer scharfen und beweglichen Intelligenz ausgestattet sind, zahllose Kombinationen und neue Ideen entdecken, dieses Wissen am Markt aber nicht durchsetzen.

Dann gibt es eine dritte, minoritäre Gruppe, die selbst- oder fremdproduziertes Wissen in neuen Kombinationen durchsetzt. Dieser dynamische Typus orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern erzeugt neue Märkte und neue Nachfrage. Also Steve-Jobs-Unternehmer.

Die meisten Wirtschaftsakteure beschränken sich auf die Aufrechterhaltung von Routinen. Insofern liegt wohl der Ökonom Lutz Becker richtig, dass es eher auf die Denkhaltung ankommt und nicht auf die betriebswirtschaftliche Brille der Disruptionstheorie.

Disruptionstheorie von Clayton Christensen

1. Disruptive Innovatoren können sich in der ersten Phase auf die weniger anspruchsvolle Klientel konzentrieren und Angebote machen, die gerade noch gut genug sind. Erst danach bewegen sich die Startups in den Mainstream-Markt, ein Prozess, der bei den Discountern gut zu beobachten ist.

2. Ein disruptiver Innovator kann auch einen völlig neuen Markt schaffen, wie mit dem iPhone und dem App-Ökosystem von Apple für die Etablierung des mobilen Internets.

Am Donnerstag, den 15. November werden wir auf der Next Economy Open #NEO18x in zwei Sessions eine theoretische Fundierung der Netzökonomie erörtern:

Von 10 bis 10:45 Uhr: Kritik der reinen Lehren der neuen Ökonomie – Session mit Dr. Winfried Felser.

Danach von 11 bis 11:45 Uhr: Potenziale für Politik-Management in kritischen Zeiten – Entwicklung einer Großtheorie.

Sendezentrale: Hochschule Fresenius in Köln. Alle Sessions werden live übertragen via Facebook.

Rechtfertigungserzählungen der herrschenden ökonomischen Lehre #NEO18x

Obwohl vielen Vertretern der so genannten Mainstream-Ökonomie klar ist, dass man politisch nicht im luftleeren Raum operiert und es auch immer um normative Fragen geht, sehen sich die Mainstream-Ökonomen dennoch als politisch neutral. Es gibt nach Ansicht von Rüdiger Bachmann, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana, keinen monolithischen Block von Marktliberalen oder Libertären.

Man würde eher das komplette parteipolitische Spektrum auch bei den Ökonomie-Professoren finden.

„Der akademische Mainstream ist bei normativen Fragen zurückhaltender. Man kann Modelle oder Daten erst einmal sprechen lassen ohne direkt abzutesten, welche politischen Implikationen das nach sich zieht“, so Bachmann.

Auf meine Intervention, ob das nicht pharisäerhaft sei, sich hinter Modellen zu verstecken, antwortete Bachmann, das habe mit Pharisäertum nichts zu tun, das ist wissenschaftlich.

„Ich habe da keine politische Agenda.“

Man könne Ökonomik betreiben mit einem Minimum an normativer Ausrichtung. Protagonisten, die sich von der herrschenden Lehre abwenden, werden aber nicht als Methoden-Kritiker gewertet, sondern vom Mainstream abgewatscht. Bachmann sprach von politischer Agitation. Der Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik, Professor Achim Wambach, sieht das ähnlich.

„Der pluralen Ökonomenbewegung geht es vielfach mehr um Politik als um Wissenschaft, da schwingt oft eine markt- und kapitalismuskritische Agenda mit.“

Wer ist nun links und wer ist rechts in der Ökonomik?

Sind dann die Mainstream-Ökonomen rechts und reaktionär, wenn das andere Lager doch angeblich links ist? Diese Stigmatisierungen führen zu nichts. So wertet Professor Lutz Becker, Studiendekan der Hochschule Fresenius in Köln, die Disputation mit Bachmann:

„Da wird, wenn es um die Pluralen geht, in politischen Kategorien wie rechts und links argumentiert, die in meinen Augen – trotz einer aktuellen Renaissance – historisch obsolet sind.“

Dann gehe es in den Antworten des Mainstream-Ökonomen direkt wieder auf eine empiristische Argumentationslinie. Das sei auch nicht schlüssig, weil beispielsweise mit der Gewichtung von Faktoren riesige Hintertüren offen bleiben.

„Oder anders: Man beruft sich auf Daten, verfolgt aber de facto und durch die Hintertür interpretative Zugänge, die aber dann ausgeblendet oder gar scharf zurückgewiesen werden.“

Becker fehlen in den Aussagen von Bachmann sowohl die Verortung der Mainstream-Ökonomik als auch der schlüssige rote Faden in der Argumentation. Bleibt das Argument von Wambach und Co. übrig, dass es ja mit der Verhaltensökonomie in Kombination mit neurowissenschaftlicher Kleckskunde, mit Institutionenlehre, Spieltheorie und finanzwissenschaftlichen Modellen genügend Ansatzpunkte für Methodenvielfalt im Mainstream gibt.

Aber auch das ist eine dürftige Replik. Es sind Rechtfertigungserzählungen. Bei den verhaltensökonomischen Laborexperimenten denkt man, den homo oeconomicus besser zu verstehen. Man hat ein wichtiges Defizit im klassischen Ansatz gekittet und alles ist wieder in bester Ordnung.

„Die Ökonomie hat ihr Standardmodell, dann wirft man ihr irgendetwas vor: Kein Problem, das kriegen wir gefixt. Jetzt machen wir Experimente, jetzt haben wir doch einen sehr viel differenzierteren homo oeconomicus. Aber was sie eben nicht leistet in einer Zeit des massiven Umbruchs, ist Orientierung. Diese Welt, in der wir heute leben, ist ja in einer ganz massiven Form durch die Ökonomie geprägt. Jetzt merken wir, dass ganz viele Dinge auf uns zukommen, die eine gewaltige neue Herausforderung darstellen“, so Professor Uwe Schneidewind in der Diskursreihe der D2030-Initiative.

„Die ökonomischen Dynamiken treiben die ökologische Sache immer noch in die falsche Richtung. Aber auch Fragen wie die Digitalisierung. Plötzlich haben wir mit Null-Grenzkosten-Produkten zu tun, wir haben mit Produktivitätssprüngen zu tun, die vermutlich das Maß vorangegangener technologischer Wenden noch mal überwinden. Jetzt würde man sich ja eine Ökonomie wünschen, die vor denkt. Was heißt das? Auch so etwas wie Grundeinkommen, wie organisieren wir unseren Sozialstaat? Das sind ganz neue Formen. Was ist denn eigentlich mit der Geldwirtschaft in einem Zeitalter von Bitcoin? Also wenn es vielleicht gar keine Zentralbanken mehr gibt und braucht. Also ganz viele Fragen.“

Experimente in Boxen

Mainstream-Ökonomen wirken nicht als öffentliche Intellektuelle. Sie versagen als Orientierungskompass und verkriechen sich mit ihren teilweise irrelevanten Experimenten in Boxen und kanzeln Kritiker als linke Spinner ab, die mit statistischen Verfahren und Mathematik auf Kriegsfuß stehen. Wenn man tradierte Ökonomen mit empirischen Methoden in ihrem Modellplatonismus zerlegt, reden sie sich mit Rechenfehlern heraus oder verweisen auf notwendige Vereinfachungen in den Berechnungen.

Dahinter stecken Immunisierungsstrategien, um sich einer wissenschaftstheoretisch sauberen Überprüfung zu entziehen. Hans Albert hat das in seiner Schrift „Nationalökonomie als Soziologie der kommerziellen Beziehungen“ ausführlich dargelegt:

„Eines der beliebtesten Mittel, ökonomische Aussagen zu tautologisieren und sie damit empirischer Überprüfung zu entziehen, ist die Verwendung der so genannten ceteris-paribus-Klausel. Wenn ein ökonomisches ‚Gesetz‘ unter Anwendung dieser Klausel formuliert wird, dann ist der mehr oder weniger offenkundige Zweck dieser Einschränkung der, dieses Gesetz vor Falsifikation zu schützen. Wenn ein dem ‚Gesetz‘ widersprechender Fall aufgezeigt werden kann, dient die Klausel sozusagen seiner ‚Rettung‘ durch Aufweis eines Faktors, der nicht konstant geblieben ist.“

Wann stellt die Wirtschaftswissenschaft wieder spannende Fragen?

Man kann normativ, plural oder heterodox unterwegs sein und gleichzeitig etwa in der Bewertung von Szenarien mit statistischen Verfahren arbeiten. Was generell fehlt, ist nach Meinung von Schneidewind eine Ökonomie, die spannende und richtige Fragen stellt.

„Das ist der Grund, warum ich gerne an die Uni gehe, weil ich merke: Wow, die behandeln da genau die richtigen Themen, die gesellschaftlich relevant sind. Von dorther wird man dann sehen, dass die Ökonomie automatisch pluraler und sehr viel interdisziplinärer sein muss. Etwa beim digitalen Wandel. Das bekommt man nur in den Griff, wenn ich auch ein technologisches Verständnis habe, wenn ich mich mit den sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen Dynamiken auseinandersetze. Dadurch wird das also sehr viel multidisziplinärer und es findet idealerweise auch ein ganz intensiver Austausch mit Leuten statt, die diese Prozesse gestalten. Plötzlich kommen auch Unternehmen und Unternehmer gerne in Unis, um mitzudiskutieren, weil sie merken: Das hilft ihnen.“

Das sei heute alles nicht gegeben, weil sich das Fach nur über seine Methode definiert.

„Du kannst heute Karriere in dem Fach machen, wenn du die irrelevantesten Fragen ökonomisch sauber behandelst“, kritisiert der Präsident des Wuppertal-Instituts.

Da gebe es keine Inspiration – beispielsweise für die Politik.

„Wenn die Merkel den Sachverständigenrat weglächelt, weil sie sagt: Hey, das kann ich sowieso gleich in die Kiste schmeißen, weil es mir für meine Wirtschaftspolitik keine Orientierung gibt. Und wenn du einen Management-Praktiker fragst, wann er zum letzten Mal aus der Management-Lehre der BWL-Fakultäten einen Impuls bekommen hat, dann muss der ganz lange überlegen, wenn ihm überhaupt irgendetwas einfällt. Diese komplette Inspirationslosigkeit des Faches kann ich nur dadurch drehen, indem ich wieder die richtigen Fragen stelle. Dann ergibt sich der Rest von selbst“, sagt Schneidewind.

Private Hochschulen sorgen für frischen Wind

Es sei ja schon fast eine paradoxe Situation, dass die kritische Ökonomie, die das bestehende System hinterfragt, heute eher an privaten Hochschulgründungen gedeiht als an den staatlichen. Das sollte so nicht sein, moniert Schneidewind. Was wir ökonomisch erleben, müsse kritisch hinterfragt werden.

„Dafür hat man staatliche Universitäten gegründet, damit es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt, die frei von ökonomischen Zwängen das System in Frage stellen können. Es ist eine verkehrte Welt: Die staatlichen Häuser legitimieren das weiter und die kritischen Impulse kommen aus privaten Uni-Gründungen.“

Die Ursache sieht Schneidewind im Reproduktionsmodus des akademischen Systems. Nach den Reformwellen in den 60er und 70er Jahren, die sehr stark sozialwissenschaftlich und kritisch geprägt waren, kam eine Gegenbewegung mit einem naturwissenschaftlichen Paradigma. Am Ende verödet halt die Mainstream-Ökonomik an Monotonie. Ich halte es für Zeitverschwendung, an eine Reformfähigkeit der etablierten Lehre zu glauben. Eher sollten private Institutsgründungen für neuen Geist sorgen. Darüber könnten wir debattieren auf der diesjährigen Next Economy Open am 14. und 15. November.