Macht und Windfall Profits #NEO19x #Witt @DrLutzBecker1 @gsohn

Unternehmen können mit digitalen Technologien und neuen Geschäftsmodellen ihre Effizienz relevant erhöhen sowie ihre Wertschöpfung massiv verbessern. Solche Sätze werden einem in unterschiedlichen Variationen jeden Tag an den Kopf geballert. Egal, ob es um Plattform-Ökonomie, Internet der Dinge, vernetzte Fabriken oder gähnend langweilige Powerpoint-Monologe zur Digitalen Transformation geht. Die immer gleichen Wortkaskaden werden zu neuen Geschichten über den Wandel der Wirtschaft in Zeiten des Internets zusammen gewürfelt. Es regiert eine offiziöse Sprache mit leeren Floskeln und positiven Formulierungen, die kaum auf Ablehnung stoßen kann. Denn schließlich geht es um Ziele, Strategien, Innovationen, Kundenorientierung, offene Kommunikation und Kollaboration. Das kann auf jeder Konferenz und in jeder internen Sitzung in Organisationen beliebig kombiniert werden – es bleibt folgenlos. 

Management-Komödien ohne Krawattenzwang 

Wir erleben auf unterschiedlichen Bühnen eine postfordistische Management-Komödie, die Mark Fisher in einem Beitrag für das Buch „Schöne neue Arbeit – Ein Reader zu Harun Farockis Film ‚Ein neues Produkt’“ geschrieben hat. Was sich in der Wirtschaft hinter einer Fassade der digitalen Modernität abspielt, ist die heuchlerische Inszenierung des Peinlichen und Absurden. Man vermittelt das Glaubensbekenntnis, lockere Netzwerke seien offener für grundlegende Umstrukturierungen als die überkommenen pyramidalen Hierarchien, die die Ford-Ära der industriellen Massenproduktion beherrschten. Die Verbindung zwischen den Knotenpunkten ist loser, man verzichtet auf Krawattenzwang, verordnet das kollektive Duzen und produziert kecke Imagevideos für Youtube – fertig ist die vernetzte Metamorphose. Hinter den digitalen Plattitüden wuchert weiterhin eine bürokratische Mikroherrschaft, kaschiert mit einer durchsichtigen und schmierigen Onkelhaftigkeit. 

Den Mythos von der neuen Arbeitswelt verbreiten vor allem Konzerne mit allerlei Bespaßungsmaßnahmen, um zu kaschieren, dass das Angestelltendasein immer noch in einem „Gehäuse der Hörigkeit“ stattfindet, wie es die „Wirtschaftswoche“ mit Verweis auf Max Weber beschreibt. Freiheit am Arbeitsplatz sei nur ein anderes Wort für Dressur.

„Die Welt dreht sich schnell und immer schneller, verraten uns die Soziologen, nur im Büro steht alles still. Kein Fortschritt nirgends, weit und breit. Der Mensch hat im vergangenen Jahrhundert den Fernseher erfunden, den Mond besucht und das Genom entschlüsselt, allein sein Angestelltenleben innoviert, das hat er nicht“, so die „Wirtschaftswoche“. Noch immer rieche die Büroluft nach Anonymität und Organisation, nach Funktionalität und Vergemeinschaftung, nach Kreativitätswüste und liniertem Denken:

Ganz gleich, ob eingepfercht in blickgeschützten Boxen oder lichtdurchfluteten Aquarien, in milchverglasten Vorzimmern oder verschließbaren Zellen, ob Seit an Seit im Metropolenloft oder eingelassen in die Weite einer aufgelockerten Bürolandschaft mit Kaffee-Vollautomat und Schallschutz-Stellwänden – im Büro beschleiche einen das Gefühl (frei nach Jean-Jacques Rousseau) das Gefühl: „Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch nine-to-five in Ketten.“ Wenn nine-to-five überhaupt reicht. Eigentlich gilt das Motto, wer zu erst geht, macht sich verdächtig.

Je kühner Architektur-Avantgardisten und Management-Gurus die Perfektionierung des arbeitsteiligen Miteinanders auch vorantreiben – heraus komme immer nur eine weitere Mode der humanen Käfig- und Kleingruppenhaltung.

Mister K. und die kreative Knetmasse

Letztlich versteckt sich hinter den modernen Lichtsuppen-Fassaden die alte Ideologie des industriekapitalistischen Taylorismus, der auch die Büroabläufe auf Fließband-Effizienz trimmt. Was an Freiheiten im Bürokomplex zugelassen wird, sind reine Simulationsübungen, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten. Selbstbestimmtes Arbeiten sieht anders aus, ob nun die Angestellten am Freitag mit oder ohne Hawaiihemd am Arbeitsplatz erscheinen dürfen. Es sind mehr oder weniger originelle Einfälle des Personalmanagements, um das Büroleben erträglicher zu machen. Das geht am besten mit ganzheitlichen Konzepten, die in speziellen Motivationsseminaren eingeimpft werden. Die lieben Kolleginnen und Kollegen stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor: „Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut. Just great.“

Gestresste Mitarbeiter können ihren Frust in albernen Rollenspielen abbauen. Managementaufgaben werden danach mit Knetmasse nachgestellt, weil man ja alles etwas spielerischer angehen will. Meinen Ex-Kollegen von o.tel.o dürfte der erste Auftritt unseres neuen Chefs – nennen wir ihn Mister K. oder selbsternannter Fußball-Gott – noch gut in Erinnerung sein. Mit seinen Autoverkäufer-Sprüchen brachte er in wenigen Minuten die Motivation der kompletten Kommunikationsabteilung auf eine Raumtemperatur von Minus 20 Grad.

Wenn schöpferische Innovationen in holistischen Trauma-Bewältigungs-Workshops mit figurativen Knetgebilden nicht helfen, sollten es die karrierebewussten Büroarbeiter mit „Brainwriting“ probieren und danach ordentlich Teamgeist sowie ganz viel „Commitment“ entwickeln. „Synergien“ müssen am Schluss herauskommen, sonst leidet die Performance.

Mehr Eier legen

Autoritäre Unternehmensführung und bürokratische Entscheidungsabläufe können Mitarbeiter mit einer „Kulturoffensive“ besser ertragen. Mit Hilfe eines Kulturberaters entwickelt der PR-Chef dann noch ein Unternehmensleitbild. Sieben Thesen, sieben Sätze, sieben Seiten, sieben Kalenderweisheiten. In dem Leitbild ist zu lesen, wie wichtig die Mitarbeiter sind, wie wichtig die Kunden sind – bei einer Aktiengesellschaft kommen noch die Aktionäre oder Shareholder dazu. Ganz fortschrittliche Unternehmen beteuern unter Sonstiges gerne, dass die Arbeit Spaß machen solle, der Mensch im Mittelpunkt steht und Umweltbelastungen etwas ganz Schreckliches sind. Damit jeder Mitarbeiter das unheimliche Gesicht seines Chefs verinnerlicht, wird „Management by walking around“ praktiziert. Alle vier Wochen gibt es darüber hinaus einen „Beer Bust“: Freibier für müde Seelen in der industrialisierten Dienstleistungsökonomie.

„Ein Ort der individuellen Freiheit und entbundenen Kreativität wird das Büro deshalb auch in Zukunft nicht sein. Denn so weitläufig, bunt und leger es auch daherkommt – bei räumlich konzentrierten Schreibtisch-Arbeitsplätzen handelt es sich immer um geistige Legebatterien, deren Sinn und Zweck darin besteht, dass Hühner in ihnen nicht ein Ei am Tag, sondern zwei legen“, so die „Wirtschaftswoche“.

Die leeren Hurra-Plattitüden der Top-Manager überdecken nur die Realität einer bürokratischen Mikroherrschaft. Übrig bleiben Zynismus bei den Büroarbeitern und eine höchst unfreiwillige Komik von Vorgesetzten, die sich mit dümmlichen Management-Phrasen über Wasser halten.

Zu bewundern in dem legendären Film „Office Space“ in der Rolle des Vorgesetzten Bill Lumbergh, der blöd grinsend mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und einem Becher Kaffee durch die Büroetagen stolpert, um Untergebene an das letzte Memo und die Pflicht zu erinnern, den TPS-Bericht mit einem Deckblatt zu versehen. Bei alldem ist es wohl egal, wie Arbeitsplätze gestaltet werden und wie viele Obstteller für Mitarbeiter zur Verfügung stehen. 

Windfall Profits: Menschen sind viel egalitärer als unsere vorherrschende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung

Letztlich dient das wichtigtuerische Management-Mimikry dem Machterhalt und dem maßlosen Zugriff auf Profite: „In den Wirtschaftswissenschaften gibt es das Dogma, dass der Unternehmer eine heilige Person ist und das Geld, was er bekommt, auch verdient. Das ist natürlich falsch“, so Professor Frank H. Witt in seiner #NEO19x Session.

„Es gibt, historisch gesehen eher zufällig auftretende Exponentialitäten. Manche Leute erkennen das frühzeitig und springen auf diesen Zug frühzeitig auf“, so Witt.

Neoliberalismus und Technologie in den USA und in Großbritannien hätten die Schere in der Entwicklung des Einkommens und des Vermögens ausgeweitet. „Psychologisch sind wir ja gar nicht so gestrickt, wenn man mit Leuten Experimente macht, wie zum Beispiel dieses legendäre Ultimatum-Experiment. Ich gebe Euch beiden 1000 Dollar (also Gunnar und Lutz) und Ihr müsst den unter Euch aufteilen. Nur wenn beide übereinstimmen, dann gibt es die 1000 Dollar von mir auch wirklich. Wenn ihr euch nicht einigen könnt, dann zahle ich Euch das Geld nicht aus. Die klassische Ökonomie sagt, wenn der Lutz dem Gunnar auch nur einen Dollar gibt, würde er diesen Dollar nehmen, weil ein Dollar ist besser als gar nichts. Gunnar wird aber moralisch empört sein. Tatsächlich zeigt dieses Experiment, dass die Leute meistens nahezu fifty-fifty anbieten. Menschen sind viel egalitärer als unsere vorherrschende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Die Ungleichverteilung von Vermögen, von Einkommen, von Lebenschancen, die wir bereit sind zu akzeptieren, kommt nicht aus unserer Psychologie, sondern läuft gegen unsere Psychologie“, sagt Witt.

Es sei kein Zufall, dass die exponentiellen Entwicklungen im Bereich der Technik zu den exponentiellen Entwicklungen im Bereich der Finanzwirtschaft passen. „Die sieben wertvollsten Unternehmen der Welt sind Tech-Unternehmen und das sind chinesische und amerikanische Unternehmen, die alle ausnahmslos digitale Plattform-Modelle fahren, die im gewissen Sinne auch relativ ausbeuterisch mit Gesellschaft und Windfall Profits umgehen. Da muss man auch theoretisch mitziehen und die Stimme dagegen erheben. Das wäre ja quasi eine Aufgabe wirklicher Wirtschaftswissenschaft. Wir sind ja nicht dazu da, Unfug wie die schwarze Null oder ähnliches abzunicken, sondern wir sind dazu da, die Gesellschaft zu verbessern, in dem wir sie kritisieren“, resümiert Witt.

2 Kommentare zu “Macht und Windfall Profits #NEO19x #Witt @DrLutzBecker1 @gsohn

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