Virtuelle Programmzeitschrift für die Next Economy Open vom 26. bis 28. November #NEO19x

Das Programm der diesjährigen Next Economy Open ist fertig.

Dienstag, 26. November 2019

10 Uhr: Digitale Business Modelle, Prof. Dr. Dennis Lotter, Hochschule Fresenius Wiesbaden, ISLC – Institut für Sustainable Leadership & Change:

11 Uhr: Characterizing Business Angels: Eine Internationale Studie, Prof. Dr. Richard Geibel, Hochschule Fresenius Köln:

12 Uhr: War die Moderne schon immer digital? Was bedeutet eine ‚digitale Gesellschaft‘? Klaus Janowitz, Soziologe Köln:

13 Uhr: Große Transformation aus den Quartieren heraus, Davide Brocchi, Sozialwissenschaftler aus Köln:

14 Uhr: Team roles in the Grønt Oppdrag 2019 Green Mission 2019 project,Gunnar Andersson, Benedikte Bekkevold, Hansen & Oussama Louhibi Høgskolen i Østfold, Fredrikstad Innovationskräfte & Project Management Program, Faculty of Engineering:

15 Uhr: Der garstig breite Graben: Digitale Transformation zwischen technologischem #Schnickschnack und echter Kulturarbeit, Dr. Christoph Schmitt, Founder of Bildungsdesign, Learning Architect, Blogger, educated Coach, Rituals Expert:

16 Uhr: Die Evolution & Economics Künstlicher Intelligenz, Prof. Dr. Dirk Nicolas Wagner, Karlshochschule International University, Karlsruhe:

17 Uhr: Was kann KI im Angesicht der DSGVO in der Auswertung der Daten für das Marketing wirklich leisten? Stefan Pfeiffer, IBM / Acoustic:

Mittwoch, 27. November 2019

10 Uhr: Neoklassik und Keynes war gestern. Was kommt morgen? Prof. Dr. Oleksiy Khoroshun, Hochschule Fresenius, Köln:

11 Uhr: Zukunft des Tourismus, Prof. Dr. Desmond Wee & Cologne Business School, Prof. Dr. Mihir Nayak, Hochschule Fresenius, Köln:

13 Uhr: #NextAct2020 oder die letzte Theorie von allem

14 Uhr: Die Zukunft der Innovation – Kurzweils Gesetz und sein wirtschaftlicher und sozialer Kontext, Prof. Dr. Frank Witt:

15 Uhr: Von Schumpeter zu Engels – Transformation in Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftsgeschichten, Gunnar Sohn & Prof. Dr. Lutz Becker, Hochschule Fresenius:

16 Uhr: Technologie Startups: Von Deutschland ins Silicon Valley, Mirko Novakovic, Founder: Instana, Solingen/Chicago:

Donnerstag, 28. November 2019

10 Uhr: Freiheit schaffen: Wieso unsere Unternehmen toxisch sind und was wir dagegen tun können, Gabriel Fehrenbach:

12 Uhr: Überlegungen für eine anarchistische Ökonomik und Ökonomie – Eine Abschiedssession an der Hochschule Fresenius mit Gunnar Sohn (Wirtschaftsblogger) und Inga Ketels
(Institut für Sozialorganik am Fachbereich Wirtschaft der Alanus Hochschule):

14 Uhr: Digital Habitats Corporation: Digital City design and development that integrates habitation, infrastructure and transportation into a digitally twinned community, Chris Smedley (Canada):

15 Uhr: Warum Industrie 4.0 keine Revolution ist, die Additive Fertigung aber schon, Werner Koch, Geschäftsführer Excit3D GmH, Solingen:

16 Uhr: Mensch, Technologie und Wirtschaft, Andreas Griesbach, GRIESBACH CONSULTING, Minden:

17 Uhr: Was soll das bitte sein: “Future Business”? Autorengespräch mit Stephan Grabmeier:

Warum #Industrie40 keine Revolution ist, die Additive Fertigung aber schon: #NEO19x Session am 28. November um 15 Uhr


Die Thesen von Werner Koch, Geschäftsführer Excit3D GmH in Solingen:

  1. „Industrie 4.0“ und oft synonym verwendete Begriff wie „Internet ot Things“, „KI“ oder „Machine Learning“ stellen für die industrielle Fertigung keine Revolution dar, sondern stehen für eine evolutionäre Fortentwicklung.
  2. Individualisierte Massenfertigung und Losgröße 1 ist nur durch die Additive Fertigungsmethode wirtschaftlich realisierbar.
  3. 3D-Druck ändert fundamental die Art und Weise wie, von wem, wann und wo Produkte hergestellt werden. 

Reaktionen aus dem Netz, die der Sessiongeber bestimmt aufgreift:

Neoklassik und Keynes waren gestern. Was kommt morgen? #NEO19x Session am 27. November (10 Uhr)

Die Thesen von Oleksiy Khoroshun, Professor für Volkswirtschaftslehre:

1. Die Mainstream-Wirtschaftstheorien basieren auf der analytischen Modellierung repräsentativer, rational agierender und zum Gleichgewicht strebender Wirtschaftsagenten. Dies ist das Ergebnis reiner Introspektion, ein intensives Studium menschlichen Verhaltens zeigt jedoch anderes.

2. Die Wirtschaftstheorie kann in Zukunft von Erkenntnissen und Entwicklungen in anderen Bereichen profitieren:

Psychologie -> Verhaltensökonomik.

Statistik, Physik und Big Data -> Econophysik.

Neurowissenschaft -> Neuroökonomie.

Computermodellierung und nichtlineare Dynamik -> agenten-basierte Ökonomik

3. Der agenten-basierte Ansatz nutzt die computergestützte Simulation einer Vielzahl von heterogenen, interagierenden Agenten, die nur beschränkt rational sind und ihre Verhaltensregeln durch Interaktion mit der Umgebung ändern können. Dabei ist das Erreichen eines Gleichgewichtszustandes in solchen Systemen zwar eine mögliche Situation, stellt aber keine notwendige Bedingung für die Analyse dar.

Über den methodologischen Bullshit der Mainstream-Ökonomik: #NEO19x Session am 28. November (12 Uhr)

Auf dem Projektblog der Next Economy Open habe ich ja schon etwas skizziert, mit welcher Session-Idee ich in diesem Jahr aufwarten will. Ich reibe mich am methodologischen Bullshit der Mainstream-Ökonomik. Der Ausschluss von Ereignissen und Relationen, die Ignoranz kommunikativer Welten und die selbstbezüglichen Modellwelten demontieren die Wirtschaftswissenschaft. Wir brauchen etwas Neues: Keine Powerpoint-Weisheiten, die den Studierenden an den Hochschulen zum Auswendiglernen in die Ohren gegeigt werden. Aber die verlangen teilweise danach. Bitte, bitte gib uns ein Skript zum Auswendiglernen, damit wir den Methodenstreit in der Ökonomik auch richtig runterleiern können oder genau beschreiben, wie eine neue Theorie der Öffentlichkeit lautet in Zeiten privatisierter Öffentlichkeiten im Social Web. Alles schön in den Spuren des Dozenten. Nur nicht mit eigenen Recherchen und Überlegungen die Dinge durchforsten. Der Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend hat das in seiner Zeit an der Uni Berkeley wunderbar durch den Kakao gezogen.

Alle bekommen eine Eins: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“

Er stand in den 70er Jahren auf dem Höhepunkt seiner akademischen Popularität. Feyerabend gab jedem Studierenden schon in der ersten Vorlesungsstunde eine Eins. Allein die Einschreibung in den Kursus genügte. Als man ihn zwang, eine Abschlussprüfung für seinen Kursus abzuhalten, händigte er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Prüfung ein Blatt aus, auf dem in großen Buchstaben feierlich das Wort „ABSCHLUSSPRÜFUNG“ stand. Und darunter stand die Aufgabe: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“. Jeder Witz, auch selbst der dümmste, wurde mit der Note Eins belohnt (nachzulesen im Opus von Simon Rettenmaier, Philosophischer Anarchismus oder anarchistische Philosophie, Büchner Verlag, 2019).

Dieser wissenschaftliche Dadaismus hatte bei Feyerabend einen ernsten Hintergrund. Er glaubte zutiefst an das Humboldtsche Erziehungsideal der akademischen Freiheit jenseits der Fliegenbein-Zählerei über Noten. Der anarchistische Hochschullehrer wollte es den Studierenden überlassen, ob und wann und wie sie studieren.

Mit diesem doch eher freidenkerischen Ansatz bin ich gnadenlos auf die Schnauze gefallen im Sommersemester 2019. Zumindest an der Hochschule Fresenius, an der ich keine Vorlesungen mehr machen werde. Die #NEO19x ist dort meine Abschiedsvorstellung. Im nächsten Jahr wird die Next Economy wieder irgendwo anders ablaufen. Ideen dazu habe ich noch nicht.

Aber noch einmal an Feyerabend anknüpfend: Sein Spott galt dem abgehobenen Expertentum. Seine Anything-goes-Metapher war dabei kein Plädoyer für Beliebigkeit, sondern für Öffnung, Mitsprache und Demokratie. Experten sichern ihre Deutungshoheit durch abgehobenes Kauderwelsch ab. In meinem Kopf schwirrt noch ein Zitat einer Justiziarin eines Privatsenders bei einer nicht-öffentlichen Tagung herum – ein sehr Gema-lastiges Stelldichein übrigens: Urheberrecht sei kein Laienrecht, da könne nicht jeder mitreden, sagte die Juristin unmissverständlich. Das ist fast unwidersprochen von der Runde aufgenommen worden – aber nur fast unwidersprochen….Ich halte diese Geisteshaltung für eine Katastrophe. Sie beflügelt die Ressentiments gegen das politische System.

Die Laien sollten nach Auffassung von Feyerabend ein Interesse am Aufbruch dieser Strukturen haben. Die Deutungshoheit der Expertokratie sei nicht hinnehmbar. Müssten sich diese geschlossenen Kreisen öffnen und Einblicke in ihre Methoden gewähren, würde man schnell erkennen, mit welch dünner Sauce die Experten operieren. Etwa der fünfköpfige Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Statt eine Schweigeperiode einzulegen, sollte dieses Gremium jede Sitzung öffentlich ins Netz übertragen und jedes Protokoll publizieren. Hier geht es schließlich um wichtige Empfehlungen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und nicht um die Wahl des Papstes.

Obertöne der Rebellion

Der Fernsehmacher Alexander Kluge erinnert an die Obertöne der Musik. Er nennt es Obertöne der Rebellion in Anlehnung an die 68er Bewegung. Man könnte in der Zukunft etwas weiter machen, was in der Vergangenheit nur den Grundton hatte. Beispielsweise die Forderungen „Die Stadt gehört uns“ im öffentlichen Raum. Das sei nackte Wiederholung aus den Tagen der Studentenrevolte. Gleiches kann man dem Sachverständigenrat entgegen schmettern: „Die Wirtschaft gehört uns und darf nicht hinter verschlossenen Türen verhandelt werden.“

Dafür brauchen wir neue Theoriebewegungen, die sich nicht auf der Leimspur der vorherrschenden Lehre bewegen.

Einschub: Vor mir liegt ein Notizzettel über die Diktatur des Antiquariats – denkt mal drüber nach. Spruch ist von Jürgen Kaube.

Weiterer Notizzettel: Überlegungen zu einer Universalgeschichte der Niedertracht. Ist nichts daraus geworden.

Zurück zur Wissenschaft: Ich wollte eine „Digitale Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit“ gründen.

Warum gerade Thomasius? Weil Christian Thomasius Ende des 17. Jahrhunderts die Universität als politisches Experiment vorantrieb. Ja, als politisches Experiment und nicht als Effizienz-Anstalt für die Sammlung von Schleimpunkten. Malen nach Zahlen im Hochschulkostüm ist ermüdend und geistlos. Wer sich der geselligen Disputation an der Digitalen Thomasius-Akademie hingibt, bekommt die universal ausgerichteten Sessions kostenlos. Schließlich unterrichtete Thomasius arme Studenten umsonst – das galt auch für die Nutzung seiner Bibliothek. Die 1694 eingeweihte Universität Halle (ja Halle) testete die Innovationsbereitschaft der Gelehrtenrepublik mit der Berufung des Versuchsleiters Thomasius: ein Philosoph, Zeitschriftenmacher und Ratgeber des galanten Lebens.

Akademische Krawalle vonnöten

Seinen Weg dorthin bahnte sich Thomasius mit einer Serie von akademischen Krawallen. Sein politisches Universitätskonzept beruhte auf Weltläufigkeit, Klugheit und Erfahrungsnähe, es sollte die Urteils- und Kritikfähigkeit der Studierenden fördern und Barrieren für den Zugang zu brauchbarem Wissen aus dem Weg räumen. Nachzulesen in dem Opus von Steffen Martus „Auflkärung“, erschienen im Rowohlt-Verlag. Überlieferungen und Traditionen schob er beiseite und empfahl seinen Studenten ein entspanntes Verhältnis gegenüber Wandel und Neuerung. Er inszenierte sich als akademischer Störenfried.

„Thomasius schlug ungewöhnliche Wege ein, um seine Gegner zu düpieren. Einer davon führte ihn zum Bündnis von Universität und Medienbetrieb. Er begann mit einer Zeitschrift, einer damals sehr frischen, wenig etablierten Gattung, in der seine Lieblingsideen noch einmal auftauchten, nun aber so vermengt und so unterhaltsam aufbereitet, dass sie ein breiteres Publikum ansprachen“, schreibt Martus und erwähnt die damalige Publikation mit Kultstatus: die Monatsgespräche – Scherz- und Ernsthafte Vernünftige und Einfältige Gedanken über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen. Eine Mischung aus Information und Pöbelei, aus Satire und anspruchsvoller Kritik, die nicht nur unterhaltsam, „sondern noch dazu erfolgreich war“, so Martus.

Greift man zur Schrift „Das Archiv der Klugheit“ von Leander Scholz, erfährt man noch mehr über Thomasius als Wegbereiter des Social Webs mit analogen Mitteln ohne AGB-Diktatur von Google und Co. Der Einzelne sollte durch die Bemächtigung von praxiologischem Wissen unhintergehbar werden. Sein Augenmerk richtete Thomasius stets auf die Medienrevolutionen, die zu einer Zäsur im Archiv des Wissens führen. „Das Kommunikationsmodell, mit dem er auf die erhöhte Datenmenge im Schriftraum reagiert, ist das des Marktplatzes mit der philosophischen Idealfigur Sokrates“, führt Scholz aus.

In seiner Klugheitslehre wollte Thomasius den Wissensempfänger direkt zum Wissensvermittler machen, denn die Wissensproduktion findet mit dem Verlassen des universitären Bereichs vor allem in der täglichen Konversation statt. „Die Demokratisierung des Wissens und der Informationssysteme waren für Thomasius unabdingbare Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft“, erläutert Scholz. Im Vordergrund seiner Theorie des Denkens stand nicht die Bewältigung eines heterogenen Stoffs nach dem Bulimie-Prinzip (reinschaufeln – auskotzen), sondern die Navigation in der Unübersichtlichkeit von Welt. So lasset uns disputieren in der Digitalen Thomasius-Akademie über diskriminierende Hausmeister-Maschinen, die Neuerfindung einer politischen Universität, über Zukunftsszenarien, Utopien und das Leben. Mäzene wären dabei nicht schlecht – die hatte Thomasius auch.

Gründen wir neue Akademien gegen die Universitäten und privaten Hochschulen

Theorie ist nichts, was systematisch verfährt. Man verschreibt sich emphatisch dem Fragment. Theorie hat immer einen anti-akademischen Gestus. Darauf verweist Philipp Felsch im Gespräch mit Alexander Kluge:

Bedeutsam sei dabei der Essay als eigene Form, weder Philosophie, Dichtung oder Wissenschaft. Georg Lukács versucht in einem Brief an einem Freund zu definieren, was ein Essay ist: Jeder Essayist sei ein Schopenhauer, schreibt Lukács, der mit seinem systematischen Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ 40 Jahre lang vollkommen erfolglos war und dann in den 1850er Jahren auf einmal großen Erfolg hat mit „Parerga und Paralipomena“, also mit kleinen Schriften, die nicht zuletzt auch seine eigene Schreibsituaion thematisieren. Schopenhauer sitzt in der Universität des großen Hegel. Alles rennt zu diesem Systematiker und Schopenhauer ist Privatdozent mit schlecht besuchten Vorlesungen und wahrscheinlich auch schlecht bezahlten Lehrveranstaltungen (das Problem kenne ich). Schopenhauer positioniert sich anti-akademisch. Der Theoretiker stellt sich an den Rand der Institution – das muss ich gar nicht tun. Da stand ich schon die ganze Zeit.

Einer der Texte in Parerga und Paralipomena heißt „Über Universitätsphilosophie“ und das sei der Urtext einer diskursiven Tradition nicht nur in der Philosophie, so Felsch. Schopenhauer arbeitet sich vor allem an der Figur des Professors ab – passt in die notwendige Disputation zum Expertenwesen. An diesen Punkten seien Theoriebewegungen entstanden. „Das sind immer intellektuelle Momente gewesen aus denen später Theoriebewegungen ihren Impetus bezogen haben“, so Felsch.

Schopenhauer begründet eine andere Form in Forschung und Lehre: Den freien wissenschaftlichen Unternehmer. Ähnlich ging Leibniz vor. Auch er war kein Universitätsgelehrter. Er gründet Akademien als anti-institutionelle Gebilde – er ist anti-akademisch unterwegs. Er gründet seine Akademien gegen die Universitäten.

„Theorie hat auch ein existenzialistisches Moment. Der Existenzialismus stellt ein Modell von Philosophie dar, das überhaupt nicht auf Gelassenheit abzielt oder auf Distanz oder reine Gegenwart. Es geht immer darum, von der Zukunft ergriffen zu werden, sich in etwas hinein zu werfen, zu partizipieren und Gelassenheit zu verlieren“, sagt Felsch.

Die Zukunft der Innovation – Kurzweils Gesetz und sein wirtschaftlicher und sozialer Kontext #NEO19x

Drei Thesen des Sessiongebers Prof. Dr. Frank Witt:

1. These

Wer die Verbesserung des Bestehenden zum Ziel hat wird bei grundlegenden Innovationen wie der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft scheitern: Weniger Freiheit und mehr bürokratische Herrschaft, mehr Ungleichheit und weniger Solidarität sind die absehbaren Konsequenzen.

2. These

Zukunftsgestaltung braucht Utopie und einen Diskurs der ausgehend von einer wünschenswerten Zukunft, Future – Back geführt wird. Dazu müssen Strukturen, Systembildung und Systemveränderung von Wirtschaft und Gesellschaft kritisch analysiert und infrage gestellt werden.

3. These

Humanismus muss an eine realistische, dem Stand der Wissenschaften entsprechendes Verständnis der physikalischen, chemischen, biologischen und psychologischen Bedingungen der Bildung sozialer Systeme gekoppelt sein; sonst wird er zur Ideologie, die die Ausnutzung menschlicher Gefühle und individuellen Bewusstseins, grundsätzlich nicht anders zu verstehen als evolutionär entstandene Algorithmen, zu politischen und wirtschaftlichen Zwecken verschleiert.

Einschalten am Mittwoch, den 27. November, um 14 Uhr:

Wohin entwickelt sich das Content Marketing? #NEO19x Session von @digitalnaiv am 26. November (17 Uhr)

Der BdP hat mit seiner Umbenennung in Bundesverband der Kommunikatoren eine kontrovers diskutierte aber letztlich doch nachvollziehbare Entscheidung getroffen und sich damit vom Begriff Pressesprecher emanzipiert. Das konnte ich auch auf einem Panel des Kommunikationskongresses in Berlin spüren, das ich gemeinsam mit Birgit Heinold und Lars Basche von Archetype sowie Stefan Pfeiffer von IBM bestritt. Es ging um Live-Kommunikation, die wir in sechs Wochen bei der Think At IBM umsetzten. Die Vorteile skizzierte Heinold: Unmittelbarkeit — kein Fake, kein Posing.

Natürliches Storytelling initiiert spannendere Gespräche über die Marke. Entwicklung eines Community-Gefühls unter den Zuschauern. Synchrone Kommunikation garantiert mehr direkte Aufmerksamkeit. Aufbau enger und langfristiger Beziehungen zu Kunden — vor und hinter der Kamera. Vervielfachung der gesamten Kommunikation, insbesondere bei Veranstaltungen und Messen. Trotz des Live-Charakters sind die Inhalte auch im Anschluss, im „Long Tail“, verfügbar und länger für Marketing und Vertrieb nutzbar. Die Live-Aktivitäten liefern den Experten von IBM umfangreiches Material, um mit Kunden und potenziellen Kunden ins Gespräch zu kommen.

Schon Wochen vor dem Event ging eine Livestudio-Website als virtuelle Programmzeitschrift ins Netz und informierte intensiv über die Sessions. Archetype-Redakteure recherchierten aktuelle Trends und veröffentlichten Beiträge zu Top-Themen wie KI, Cloud Computing, Blockchain oder Automatisierung.

Das Programm umfasste Magazin-Sendungen, Features, Interviews und Podiumsdiskussionen zur Digitalisierung und beleuchtete die Auswirkungen auf Unternehmen, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft: Etwa zur Netzpolitik der Regierungsparteien, zur Enquete Kommission Künstliche Intelligenz des Bundestages, über Digitalisierungsstrategien für den ländlichen Raum oder über Open Source-Initiativen des Staates.

Mehr als 80 Live-Sessions mit über 150 Gästen wurden live gestreamt. Die einzelnen Sitzungen wurden auf der Website und auf dem YouTube-Kanal von IBM veröffentlicht und kommentiert.

Keine einzige Sendung wurde vorher über Drehbücher mit vorbereiteten Fragen und Antworten vorbereitet. Es galt das gesprochene Wort und keine Teleprompter-Rhetorik.

Während des sechswöchigen Einsatzes im Bikini Berlin hat das Team mit dem Livestudio-Projekt mehr als 370.000 Menschen erreicht – ohne Freigabeschleifen. Live-Kommunikation funktioniert viel besser als das PR-Weichzeichner-Blabla und die Pressesprecher-Leerformeln. Das Livestudio erwies sich Content-Maschine für die Kommunikation erweisen — mit vielen interessanten Verwertungsmöglichkeiten. Mit der alten Autorisierungslogik von Presse- und PR-Abteilungen wäre das nicht möglich gewesen. Hier sind interdisziplinäre Kompetenzen in der Kommunikation gefragt.

Das machte Thomas Riedel von Digitale-Leute.de auf der Marketingmesse DMEXCO deutlich: „Leadership und Kommunikationskompetenz sind vonnöten, um digitale Produkte und Dienste erfolgreich auf den Markt zu bringen.“

In der Hochschule Fresenius sieht man das ähnlich: „Wir haben mit der Next Economy Open in Köln ein virtuelles Live-Format etabliert: Die NEOx ermöglicht es den Studierenden, Arbeitsproben öffentlich zu machen, mit der Internet-Gemeinde in Dialog zu treten und gleichzeitig mit den Möglichkeiten von Live Medien zu experimentieren und somit ‚Media-Literacy’ zu erwerben – eine zunehmend kritische Kernkompetenz für angehende Führungskräfte. Dabei gehen das wissenschaftliche Lernen sowie die Strukturierung und die Vermittlung des Gelernten ganz im Sinne einer modernen Didaktik Hand in Hand“, so Professor Lutz Becker, Leiter Business School und Studiendekan Sustainable Marketing & Leadership (M.A.).

Auf der Next Economy Open wird Stefan Pfeiffer über folgendes Thema diskutieren: Was kann KI im Angesicht der DSGVO in der Auswertung der Daten für das Marketing wirklich leisten? Die Session findet am Dienstag, den 26. November, um 17 Uhr statt:

Sind das Zeiten für Panem et circenses (Brot und Spiele)? Die @WinfriedFelser Session auf der #NEO19x am 27.11. (13 Uhr)

Heilige Zorn

Ein paar Anmerkungen von Winfried Felser, die er auf LinkedIn veröffentlich hat:

Mehr denn je stellt sich die Frage, was adäquate Events und Moderationen und Redner-Beiträge in diesen spannenden Zeiten sind. Ob die Zukunft utopisch oder dystopisch sein wird, scheint noch unentschieden.

Langweilig scheint leider keine Option. Die Narrative der Disruptions-Wolke stehen wie wenig anderes für die Erschütterung der alten Mächte. Unsicherheit ist sicher. Sonst wenig. Sind das Zeiten für Panem et circenses (Brot und Spiele)? Reicht uns ab und zu ein heiliger Schauer und ansonsten Beliebiges vor den Canapes. Müsste wir nicht viel öfter genervt sein? Wenn die Muster zu brechen sind, sollten wir dann nicht auch für Events über unsere Muster nachdenken? Inwieweit unterstützt die Klassik überhaupt die Notwendigkeit der Disruption?

Dafür möge ein Diskurs zum Theater erlaubt sein. Von dem Wenigen, was dem Autor im Rahmen der gymnasialen Bildung blieb, ist die Diskussion um das Selbstverständnis der Rolle des Theaters besonders lebendig. Die Bühne als moralische Anstalt (Schiller) wurde in der Mittelstufe intensiv diskutiert, die schon selber Kritik an jeder Fessel der Künstelei und der Mode war. Der Kritik folgte die Kritik und diverse alternativen Ideen z.B.

  • Brechts Verteidigung des Epischen,
  • das bewusst Absurde und – ja –
  • auch die Publikumsbeschimpfung des Serben-Freundes und Nobelpreisträgers Handke.

Dieser Wandel regte früh an, darüber nachzudenken, wie Denkmuster am besten zu brechen sind. Mit Schillerlocken sicherlich nicht und auch ein Brecht bricht leider in Zeiten der Reizüberflutung nicht mehr das Gleichgültige durch das Epische (oder doch: Storytelling?).

Was tun? Das fragt Lenin zurecht.

Ob es schmerzt oder nicht – Kundenorientierung heißt nicht sich nach dem Kunden zu orientieren, sondern sich mit dem Kunden dahin zu orientieren, wo sein Heil liegt. Daher müssen Events, die sich ernst nehmen, in diesen Zeiten erschüttern, nerven, den Fluss brechen, provozieren, zum Dialog oder zur Gegenrede reizen…

Denke ich so: Ansonsten können wir uns auch alle vollkoksen. Professionell moderiert.

Soweit Winfried Felser.

Wir können uns also auf eine unterhaltsame Session am 27. November, um 13 Uhr freuen.

Wenn sich die Gesellschaft transformiert, ändern sich auch die Balancen der Macht – #NEO19x Session von @KlausMJan

Thesen des Hashtag-Soziologen Klaus Janowitz zu seiner #NEO19x Session am Dienstag, den 26. November, um 12 Uhr:

War die Moderne schon immer digital? Eine mehr oder weniger rhetorische Frage, die die Vorraussetzungen von Digitalisierung anspricht.
Von „Digitaler Gesellschaft“ wird oft gesprochen – was das genau sein soll, bleibt meist unklar. Die großen Mechanismen der Vergesellschaftung verlieren an Einfluß – explizite normative Zwänge nehmen ab, implizite ökonomische zu. Die einst prägenden Organisationen lassen in ihrer Bindungskraft nach.

Digitalität zeichnet sich dadurch aus, dass sämtliche Informationen in das – sehr einfache – binäre Format übertragen werden – und daraus immer wieder neu miteinander kombiniert werden können.

Was mit Daten möglich ist, kann zwar nicht so einfach auf Gesellschaft übertragen werden – dennoch organisieren sich Gesellschaft und Vergemeinschaftungen immer stärker „digital“, d.h. in der Zuordnung und Verbindung über binäre Codes. Selbsttätig (so etwa als „vernetzter Individualismus“) oder von aussen als „collected communities“. Consozialität nach dem Prinzip „what we share“ ist eine Voraussetzung.

Es gibt im weiteren eine ganze Reihe von Modellen, die Vergemeinschaftungen und Vorstellungen einer digitalen Gesellschaft beinhalten.

Gesellschaft 4.0 war ein Ableger von Industrie 4.0

Überwachungsgesellschaft ist die (negative) Vision einer Gesellschaft, in der Staat oder Privatunternehmen die Gesellschaft mit einem Datenmonopol in ihrem Sinne strukturieren.

Die Macht verschwindet nicht, wenn sie weniger in Hierarchien gebunden ist. Wenn sich die Gesellschaft transformiert, ändern sich auch die Balancen der Macht. Sinn- und Kontrollüberschuss spielen eine Rolle.

Diskutiert mit Klaus am 26. November über die YouTube-Chatfunktion – Fragen und Kommentare könnt Ihr schon jetzt posten.

Mögliche Formate auf der Next Economy Open #NEO19x vom 26. bis 28. November

Das Konzept der Next Economy Open ist bekanntlich virtuell. Und mögliche Formate sind je nach technischer Ausstattung in vielfältiger Weise umsetzbar.

Die Haupt-Veranstaltung wird live aus dem temporären Sendezentrum an der Hochschule Fresenius gestreamt. Die Zuschaltungen laufen über Skype.

Vier Beispiele, wie man die Sessions angehen könnte:

1. Round-Tables/Panels und Workshops

Round-Tables und Panels bieten maximal fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Diskussionsplattform. Bei der Zusammensetzung des Panels sollte auf Interdisziplinarität und allgemeine wissenschaftliche und praxisbezogene Relevanz geachtet werden.. Es wird erwartet, dass von der 90-minütigen Sitzung nicht mehr als ein Drittel auf vorbereitete Statements entfällt und die Aussprache innerhalb des Panels genügend Zeit für eine Diskussion des Panels mit dem Publikum lässt (ca. 30 min). Die Panel-Organisatorinnen und -Organisatoren reichen eine kurze Beschreibung des Themas ein und stellen die Rekrutierung der Teilnehmer sicher.

Für die Panels sind 45 Minuten vorgesehen.

2. Vorträge

Vorträge sollten Themen mit hoher Aktualität oder bis dato unveröffentlichte Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sein. Neben Fragen mit überwiegend theoretischer oder überwiegend praktischer Relevanz, können neue Methoden, technologische Ausblicke sowie methodische bzw. theoretische Konzept mit praktischer Relevanz vorgestellt werden.

Für die einzelnen Vorträge sind 30 Minuten Präsentationszeit und ca. 10 Minuten für Fragen vorgesehen.

3. Interviews

Hier gilt es ein Thema sowie konkrete Fragen einzureichen und einen Interviewee zu benennen. Die Interviews werden nun der Regel von den Konferenzveranstaltern geführt.

Für die einzelnen Interviews sind 30 Minuten Präsentationszeit und ca. 10 Minuten für Fragen vorgesehen.

4. In Teilen vorproduzierte Magazinformate

Hier sollten Themen mit hoher Aktualität oder bis dato unveröffentlichte Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sein. Es sind Einspieler, Live-Interviews, Vortragsequenzen möglich.

Es sind ca. 10 Minuten für Fragen vorgesehen.

Habt Ihr weitere Ideen?

@dr_dennis_lotter Hypothesen bilden statt Management-Moden in die Welt setzen #NEO19x

Ein bedeutender Indikator für Probleme bei der Komplexitätsbearbeitung in Unternehmen ist nach Ansicht von Professor Rupert Hasenzagl die steigende Zahl an Managementmoden:

„Wie der mittlerweile emeritierte Mannheimer Organisationsprofessor Alfred Kieser bereits 1996 in seinem bekannten Artikel in dem wissenschaftlichen Journal ‚DBW’ gezeigt hat, neigen Manager dazu, auf die steigende Umweltkomplexität mit einfachen Konzepten zu reagieren.“

Business Process Reengineering (BPR), Lean Management, Total Quality Management (TQM), ISO 9000 oder Six Sigma – die Liste derartiger Methoden sei lang.

„Sie sind aber weniger für die Anwender als für Buchautoren und Berater ein gutes Geschäft“, moniert Hasenzagl.

Der Ansatz, steigende Komplexität mit einfachen Konzepten zu bewältigen, sei weder theoretisch argumentierbar, noch lassen sich in der Praxis nachhaltige und tiefgehende Verbesserungen hinsichtlich Unternehmensführung nachweisen. Die Folge der Erfolglosigkeit sei ein ständiger Wechsel der Methoden, ohne dem Management wirklich hilfreich zu sein.

Hinter diesen Moden stecke ein sehr mechanistisches Verständnis der Wirtschaftswelt:

„Diese an die Naturwissenschaften angelehnten simplen Organisationsvorstellungen sind aber auch Grundlage der Betriebswirtschaftslehre und des Bürokratismus“, so Hasenzagl.

Aufgrund der extremen Vereinfachungen, besonders bei der Abbildung sozialer Realitäten, sei die BWL aber nicht in der Lage, komplexe soziale Vorgänge auch nur annähernd abzubilden. Die Einfachheit des Organisationsverständnisses der BWL macht sie für die Prediger von Managementmoden so attraktiv.

„Das umso mehr, als das Weltbild der mechanistischen Theorien sich gut mit der atheoretischen Praxis deckt. Auf der Strecke bleiben Manager, die versuchen, überwiegend auf Basis der BWL-dominierten akademischen Managerausbildung ihre Unternehmen zu steuern“, kritisiert Hagenzagl.

Die dürftige theoretische Durchdringung des ökonomischen Geschehens mit pseudo-rationalen Modellen kompensieren Führungskräfte mit dem Einsatz von Macht und steigern damit die Bürokratisierung ihrer Organisationen.

In Lehre und Praxis dominieren Aufzählungs-Friedhöfe, moniert Axel Gloger in seinem Opus „Betriebswirtschaftsleere – Wem nützt die BWL noch?“ Je stärker das Kästchendenken die Regentschaft in Organisationen prägt, desto geistloser funktioniert das System. In diesem Sperrgut der Leerformeln gedeihen Kontroll-Biotope, Misstrauen, ermüdende Rechtfertigungs-Meetings und gefälschte Erfolgsmeldungen. Siehe auch meine Ausführungen zu Homer statt Wöhe – Über die Binsenweisheiten in der BWL und im Management.

Wie kann man das ändern? Einen ersten Schritt könnten die Berater und Management-Denker leisten, in dem sie nicht nur gut durchdachte Ideen, Modelle und Theorien entwickeln, sondern sie auch nachvollziehbar darstellen. So, wie es der Organisationswissenschaftler James G. March in seinem Buch „Zwei Seiten der Erfahrung – Wie Organisationen intelligenter werden können“ formuliert hat. Er belegt, wie anfällig Menschen sind, Erinnerungen so zu konstruieren, dass sie aktuellen Wünschen und Bedürfnissen dienen. „Er bewahrt seine Überzeugungen, indem er gegenüber Beweisen, die bestehende Überzeugungen bestätigen, weniger kritisch ist als gegenüber Beweisen, die sie zu widerlegen scheinen. Der Mensch verzerrt Beobachtungen ebenso wie Überzeugungen, damit sie zueinander passen. Er bevorzugt einfache Kausalzusammenhänge….“

Wer sich auf dieser Leimspur bewegt, endet in einem sektenhaften Mantra von pseudowissenschaftlichen Management-Weisheiten. „Innovation setzt Kritik voraus“, so Professor Lutz Becker bei einer netzökonomischen Diskussionsrunde an der Hochschule Fresenius.

Wie man das praktisch umsetzt, dokumentiert Dennis Lotter in seinem neuen Buch „Digital Transformation Design“ in Anlehnung an die Lean Start-up Methode:

Im ersten Schritt sollte man Hypothesen aufstellen. „Es lohnt sich, viel Mühe darauf zu verwenden, eine klar messbare, leicht verständliche Hypothese zu formulieren. Dafür finden sich jede Menge Tipps in Blogs und redaktionellen Vorlagen.“

Wir glauben, dass [diese Fähigkeit, Funktion, Lösung] zu [diesem Ergebnis] führen wird. Die Hypothese ist belegt, wenn … [messbare Kennzahl]

„Testen ohne Hypothese ist wie Segeln ohne Wind! Hypothesen reduzieren den Einfluss von vorgefassten Meinungen auf die Entscheidungsfindung, fokussieren Produktentwicklungsteams auf das Wesentliche, helfen dabei, das Ziel auf dem beschwerlichen Weg nicht aus den Augen zu verlieren.
Im zweiten Schrift starten Sie mit der Hypothese, die die meisten Risiken in sich trägt. Riskante Hypothesen erkennen Sie daran, dass eine Geschäftsidee keinen Sinn mehr hat, wenn diese Annahme nicht zutrifft. Wenn die Hypothese der AirBnB-Gründer, dass es Wohnungsbesitzer gibt, die Fremde bei sich übernachten lassen, sich nicht hätte bestätigen lassen, wäre ein derartiges Geschäftsmodell sinnlos. Wie finden Sie diese heraus? Fragen Sie bei ihrem Geschäftsmodell nach den drei maximalen Risiken und seien Sie bei der Ant- wort sehr ehrlich:
1. Wir lösen kein wirkliches Problem.
2. Wir nehmen dafür kein Geld ein.
3. Wir finden keinen skalierbaren Vertriebsweg, auf dem sich diese Lösung
verkaufen ließe.

Hypothesen testen durch Feedback tatsächlicher oder potenzieller Kunden folgt im dritten Schritt. Besonders hilfreich ist es, wenn Sie die Kunden in dem Kontext auffinden, in dem das angenommene Problem sichtbar wird, durch Beobachtungen und Interviews. Hier zählt nicht wie viele Informationen Sie sammeln, sondern wie gehaltvoll diese sind. Quantitative Befragungsverfahren geben eine Einschätzung zum Gesamtmarkt. Über einen Prototyp die Reaktion der Nutzer zu testen ist nutzbringender: Dropbox etwa wählte diese Variante, indem es in einem Video Interesse an der Beta-Funktion weckte. Die Rückfrage war enorm, Tausende von E-Mail-Adressen häuften sich und rasch wurde klar, dass die intendierte Lösung als ein echter Mehrwert für reale Kunden anzusehen war.

Lernen mit den Ergebnissen kommt im vierten Schritt. Der Erwartungswert zwischen Annahme und Auswertung und seine tatsächliche Ausprägung können weit auseinander liegen. Je weiter, desto höher der Lerneffekt. Ergibt der Test, dass die intendierte Lösung niemanden interessiert, führt dies zu einem enormen Lernschritt und in Konsequenz zu einer Veränderung des Geschäftsmodells oder gar einer kompletten Umkehr. Wir kennen ja alle den tückischen Confirmation Bias (Bestätigungsfehler), der uns verführt, Resultate so auszuwerten, wie wir diese gerne hätten. Menschen neigen dazu, andersartige Sichtweisen automatisch auszublenden, wenn diese die eigenen Erwartungen nicht matchen. Läuft man in diese Falle, ist eine Weiterentwicklung von Vornherein zum Scheitern verurteilt“, schreibt Lotter.

In seiner #NEO19x Session wird er das Thema vertiefen. Über die Chatfunktion auf YouTube könnt Ihr ihn befragen. Am Dienstag, den 26. November, um 10 Uhr:

Muster von Konformismus

Treffer, versenkt

Paul Schreyer

Hart aber fair 2019-02-25

10. November 2019   —   Dem Modewort „Digitalisierung“ kann man kaum noch entkommen. Jeder, der in den Medien auf sich hält, spricht über die zunehmende Computersteuerung der Gesellschaft. Der Soziologe Armin Nassehi hat nun ein Buch zu diesem Thema vorgelegt. „Muster – Theorie der digitalen Gesellschaft“ lautet der Titel und verspricht eine tiefergehende Klärung des Phänomens.

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